Stolpersteine und Erinnerungsarbeit

Am 8. Oktober 2012 kommt der Kölner Aktionskünstler Gunter Demnig wieder einmal nach Gelsenkirchen um weitere 18 Stolpersteine an 8 Orten zu verlegen. Die Stolpersteine erinnern symbolisch am letzten frei gewählten Wohnort an Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen von den Nazis verfolgt, entrechtet, vertrieben, deportiert und ermordet worden sind. Das größte und dezentrale Denkmal in Europa erinnert an Juden, politisch Verfolgte, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, Sinti und Roma, Behinderte. Man stolpert nicht wirklich über die in das Straßenpflaster eingelassenen Gedenksteine. Wer auf sie beim Gehen aufmerksam wird, muss anhalten und sich vor dem Stein verbeugen, um Namen, Lebensdaten und Verfolgungsgrund zu lesen. In diesem Jahr gehen Demnig und Gelsenzentrum über die bisherige Verlegtradition hinaus. Erstmals wird ein Stolperstein für einen ehemaligen Gelsenkirchener verlegt, der als einziger seiner Familie den Holocaust überlebte. Die Familie Neudorf wird so symbolisch im Gedenken wieder vereint.

Die Stolpersteine, die Demnig europaweit verlegt, sind Teil einer Erinnerungsarbeit, die unmittelbar mit der Befreiung der Konzentrationslager durch sowjetische, amerikanische und britische Truppen 1945 begann. Die befreiten Überlebenden schufen die ersten Denkmale zur Erinnerung an ihre geschundenen und ermordeten Mithäftlinge und zur (Er-)Mahnung, dass das nie wieder geschehen dürfe. Die Erinnerung an das Grauen war noch frisch und brauchte keine Erklärung. Auch in Gelsenkirchen wurde im April 1951 auf Initiative der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes und mit Unterstützung der Stadt Gelsenkirchen im Stadtgarten ein noch heute bestehendes Mahnmal für die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft errichtet.

Mit dem Kalten Krieg, dem Antikommunismus und der Ost-West-Konfrontation begann das Verdrängen und Vergessen der unliebsamen Geschichte. Mahnmale aus einfachem Material verrotteten oder wurden bewusst zerstört. Zahlreiche NS-Opfer wurden aus Ruhestätten in Lagernähe in zentrale Kriegsgräberstätten, oftmals neben Soldaten und SS-Angehörigen, umgebettet. Nichtssagende Inschriften wie „Den Toten 1933-1945“ und christliche Symbole für das Gedenken, die das spezifische Schicksal der Opfer verschwiegen, zeugten von dem Wunsch vieler Deutscher, die unliebsame Geschichte gleichsam zu beerdigen. Die Geschichtsbücher reduzierten den Nationalsozialismus auf Hitler und seine Schergen, den Widerstand gegen ihn auf den 20. Juli 1944.

Doch seit etwa Mitte der 1950er Jahre organisierten sich die Überlebenden der Konzentrationslager Dachau, Neuengamme und der Emslandlager aus von den Nazis besetzten Ländern Europas, wandten sich gegen Abriss und Verfall und forderten die Einrichtung von würdigen Gedenkstätten an den Orten der Konzentrationslager zur Erinnerung und Mahnung. So wurde beispielsweise 20 Jahre nach der Befreiung, im Jahre 1965, die Gedenkstätte Dachau auf dem Gelände des ehemaligen „Schutzhaftlagers“ eröffnet. Neben originalgetreuen und rekonstruierten Gebäuden wurde ein Museum mit einer großen Ausstellung eingerichtet, in der die Geschichte des Dritten Reiches, des Konzentrationslagers Dachau und seiner Außenlager dargestellt wurde.

Die gesellschaftlichen Veränderungen ab den 1960er Jahren führten zu einem Wandel im öffentlichen Klima. So zeigte die sich verstärkende wissenschaftliche Bearbeitung der Nazi-Zeit die Widersprüchlichkeit der Strukturen des NS-Staates auf und machte den Weg frei für die Erforschung des „Alltags im Nationalsozialismus“. Öffentliche Aufmerksamkeit erregte beispielsweise die US-Fernsehserie „Holocaust“ 1979, die statt abstrakter Zahlen die Geschichte einer jüdischen Familie im Dritten Reich zeigte. Geschichtswerkstätten beschäftigten sich mit lokaler Geschichte und holten das „Dritte Reich“ vor die eigene Haustür. In Gelsenkirchen erschien 1981 als Ergebnis eines Kurses der örtlichen Volkshochschule die Veröffentlichung „Beispiele des Widerstands in Gelsenkirchen 1933 – 1945“. 1983 erschien ein Beitrag über das Gelsenkirchener Außenlager des KZ Buchenwald in den Beiträgen zur Stadtgeschichte 11 des örtlichen Heimatvereins.

In den 1980er Jahren führten fünf „runde“ Gedenktage, 1983 an die Machtübertragung Hitlers vom 30. Januar 1933, 1984 an das Attentat vom 20. Juli 1944, 1985 an das Kriegsende vom 8. Mai 1945, 1988 an die Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 und 1989 an den Beginn des Zweiten Weltkrieges vom 1. September 1939 zu einer erhöhten öffentlichen Aufmerksamkeit, zu zahlreichen auch lokalen Veranstaltungen. Zu einer kurzfristigen Aufregung in Gelsenkirchen führte z.B. ein Flugblatt der ötv-Jugend Gelsenkirchen, das zu einer Veranstaltung am 30. Januar 1984 einlud und auf dessen Rückseite eine Seite aus dem Adressbuch der Stadt Gelsenkirchen von 1939 abgedruckt war, die Hitler und andere Nazi-Größen als Ehrenbürger der Stadt nannten. Das Dritte Reich vor der eigenen Haustür behagte nicht jedem.

1987 benannte der Rat der Stadt Gelsenkirchen den Heinrich-König-Platz, den Margarethe-Zingler-Platz und den Fritz-Rahkob-Platz nach örtlichen Widerstandskämpfern aus den Reihen der Christen, der Sozialdemokraten und der Kommunisten sowie den Leopold-Neuwald-Platz zur Erinnerung an die verfolgten und ermordeten jüdischen Bürger Gelsenkirchens.

Das wachsende Interesse, sich mit der NS-Barbarei auseinander zusetzen, führte in den 1980er Jahren auch zur Gründung weiterer, sogenannter „arbeitender“ Gedenkstätten mit einer Ausstellung und Besucherbetreuung. In unserer Nachbarstadt beispielsweise wurde 1980 die Alte Synagoge Essen als Mahn- und Gedenkstätte mit einer Ausstellung zu Widerstand und Verfolgung 1933-1945 eröffnet. Standen anfangs die Themen Widerstand und Verfolgung im Vordergrund, erweiterte sich der Focus bald. In Essen folgten eine Ausstellung über „Stationen jüdischen Lebens“ und ein Gedenkbuchprojekt, in dem durch interessierte Einzelpersonen und Schulklassen der Lebensweg einzelner ermordete Bürger rekonstruiert wird. So wird ein namentliches Gedenken ermöglicht, wie es sonst nur Verwandten mit ihren persönlichen Erinnerungen möglich ist. Genügten den Überlebenden symbolische Gedenkorte an denen sie „sich erinnern“ können, so benötigen die Nachgeborenen Informationen und Aufklärung, um „zu erinnern“.

Die Stolpersteine, die Gunter Demnig seit 1992 verlegt, schlagen einen neuen Weg ein – und sie ergänzen die vorhandenen Gedenkorte auf besondere Weise. Sind Gedenkstätten bislang entweder Einrichtungen, die als Lern- und Gedenkort angelegt sind (wie beispielsweise auch die 1994 eröffnete Dokumentationsstätte „Gelsenkirchen im Nationalsozialismus“, die ich hier nicht unerwähnt lassen möchte) oder symbolische Gedenkorte an abgelegenen Plätzen, wohin die Nazis die ihnen unerwünschten Personen deportierten, holt Demnig mit seinen Stolpersteinen die symbolische Erinnerung an die unter armseligen Vorwänden verfolgten und ermordeten Menschen an die Orte zurück, an denen sie vorher gelebt haben. Demnig selbst sagt dazu: „Mein Projekt ist ein dezentrales Denkmal, eingebunden in den Alltag. Dort, wo die Menschen ihren Lebensmittelpunkt hatten, ihre Heimat, ihre Wohnung, wird Vergangenheit mit Gegenwart konfrontiert.“ So auch wieder am 8. Oktober 2012 an 8 Orten in Gelsenkirchen.

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