Ganz ungewöhnliche Soldaten

Temporäres Denkmal für den unbekannten Deserteur am Antikriegstag 2014

Temporäres Denkmal für den unbekannten Deserteur am Antikriegstag 2014

Rede zum Antikriegstag am 01.09.2014 vor dem Denkmal am Grillo-Gymnasium

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
liebe Kameradinnen und Kameraden,
liebe Genossinnen und Genossen,
sehr geehrte Damen und Herren,

wir erinnern am heutigen Antikriegstag gleich an zwei Weltkriege, in denen Deutschland eine entscheidende Rolle gespielt hat.

Vor 75 Jahren, am 1. September 1939 entfesselte Nazi-Deutschland den Zweiten Weltkrieg, der bis 1945 mit einer unglaublichen Zerstörungswucht auf Deutschland zurückfiel und die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg in Deutschland weitgehend verdrängt hat.

Doch während man in Deutschland, wie gestern in unserer Nachbarstadt Herne eine Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg entschärfen muss, finden in unseren westlichen Nachbarländern Belgien und Frankreich auch heute noch Bauern nicht explodierte Munition und menschliche Überreste aus dem dort so bezeichneten „Großen Krieg“.

Der Erste Weltkrieg begann vor 100 Jahren am 1. August 1914 mit der Kriegserklärung des Deutschen Kaiserreiches an das russische Zarenreich. Am 2. August 1914 besetzten Deutsche Truppen das neutrale Luxemburg und am 4. August 1914 begann der deutsche Überfall auf das neutrale Belgien.

Die deutschen Truppen drangen bis nach Nordostfrankreich vor, wo sich die gegnerischen Armeen eingruben und vier Jahre lang in Schützengräben gegenüberstanden und mit zu ihrer Zeit modernsten Waffen, mit Artillerie, mit Maschinengewehren, mit Handgranaten, mit Gas unglaubliche Zerstörungen anrichteten.

Auf verschiedenen Kriegsschauplätzen der Welt, in Belgien und Nordfrankreich, in Polen und Russland, auf dem Balkan und am Bosporus, im Nahen und Mittleren Osten, im Kaukasus, in Norditalien, in den afrikanischen Kolonien, zu Wasser, zu Lande und in der Luft kämpften schließlich 40 Nationen mit zusammen fast 70 Millionen Soldaten.

17 Millionen Soldaten fanden den Tod.

Sind sie einen Heldentod gestorben, wie es die nationalen Mythen der Krieg führenden Nationen so gerne sehen?
Nein!
Ihr Tod war kein Heldentod.
Der Krieg war ein sinnloses Massensterben, die Soldaten starben in sinn- und nutzlosen Materialschlachten eines durchindustrialisierten Krieges.

Es gab viele, die diesen sinnlosen Tod nicht wollten, sondern die leben wollten.

Weihnachten 1914 verbrüderten sich gegnerische Soldaten für kurze Zeit im sogenannten „Weihnachtsfrieden“, tauschten im Niemandsland zwischen den Schützengräben Geschenke mit den Soldaten der Gegenseite aus und sangen gemeinsam Weihnachtslieder.

Immer wieder gab es an den Fronten stillschweigende Vereinbarungen, nicht oder nur in ritualisierter Form aufeinander zu schießen.

Soldaten fügten sich Verletzungen oder Krankheiten zu oder simulierten deren Symptome um dem Krieg zu entkommen.

Dann gab es jene Soldaten, die ganz konsequent mit dem Militär brachen und sich durch sogenannte „Fahnenflucht“ entzogen. Schätzungen zufolge gab es auf deutscher Seite hunderttausend Deserteure während des Ersten Weltkrieges.
Sie waren nicht kriegsentscheidend, ihre Motive waren sehr unterschiedlich und sie waren sicherlich auch keine selbstlosen Helden.

Aber sie waren auch keine gewöhnlichen Soldaten, sondern Menschen, die sich für das Leben entschieden und gegen den Tod.

Ihnen wird selten gedacht, obwohl auch sie mutig sein mussten. Natürlich machten sie sich strafbar, nicht nur durch die Desertion, sondern auch durch die Verwendung gefälschter Papiere, durch Diebstahl von Nahrungsmitteln oder Geld. Doch was bedeuten Urkundenfälschung und Diebstahl im Vergleich zum Töten von Menschen, die man nicht kennt und die einem nichts getan haben?

Hundert Jahre nach dem Beginn des Ersten Weltkrieges wollen wir heute an jene ganz ungewöhnlichen Soldaten erinnern, die NEIN zum Krieg sagten. Die sich für das Leben und gegen den Tod entschieden haben.

Wir tun dies hier mit einem temporären Denkmal.

Unser temporäre Denkmal besteht aus Pappe, Farbe und etwas Holz. Das Denkmal zeigt uns einen einzelnen Mann, denn Deserteure waren Einzelgänger.
Dieser Mann läuft, er läuft weg vor dem Krieg und läuft weg vor dem Tod. Er läuft zu auf das Leben. Und er freut sich, er freut sich, dass er dem Krieg und dem Tod entronnen ist.

Es handelt sich hier um einen Holzschnitt des belgischen Künstlers, Internationalisten und Pazifisten Frans Masereel aus dem Jahre 1919.
Genauer: um einen maßstäblich vergrößerten Ausschnitt.

Frans Masereel wurde in den 1920er Jahren berühmt durch sein pazifistisches und sozialkritisches Engagement. Er drückte sich in dieser Zeit künstlerisch mit expressionistischen Holzschnitten und Holzschnittzyklen aus.

1889 in Belgien geboren, verbrachte er mehrere Jahre in Deutschland, Frankreich, England und Tunesien. Bei Beginn des Ersten Weltkrieges kehrte er aus der Bretagne nach Belgien zurück, flieht jedoch vor den vormarschierenden deutschen Truppen.
In der Schweiz arbeitet er ehrenamtlich für das Rote Kreuz und veröffentlicht grafische Beiträge in Zeitschriften, über tausend gegen Krieg und gegen soziale Ungerechtigkeit.

Nach dem Krieg wird er mit seinen eindrucksvollen und emotionalen Holzschnittzyklen und weiteren Kunstwerken in vielen Ländern Europas, auch in der Sowjetunion, die er 1935 und 1937 bereist, berühmt.

1940 flieht er abermals vor den deutschen Truppen, dieses Mal aus Paris nach Südfrankreich. Er hält die Eindrücke auf der Flucht in zahlreichen Zeichnungen fest.
Wie auch im Ersten Weltkrieg engagiert er sich wieder mit seiner künstlerischen Arbeit gegen den Krieg und gegen die Unmenschlichkeit.

Wir gedenken heute mit diesem temporären Denkmal nach einem Holzschnitt von Fans Masereel dem unbekannten Deserteur beider Weltkriege.

Vielen Dank!

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