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Stolpersteine für die Familie Nussbaum verlegt

Im Gedenken wieder vereint: Stolpersteine für die Familie Nussbaum vor der Hildegardstraße 21.

– Wortbeitrag von Knut Maßmann während der Verlegung –

Die Eheleute David und Malka Nussbaum stammten aus Galizien, dem Teil Polens, der bis zum Ende des Ersten Weltkriegs zu Österreich-Ungarn gehört hatte. David Nussbaum wurde am 25. Mai 1901 in Rozniatow geboren, Malka Nussbaum, geborene Rechtschaffen am 14. Mai 1903 in Pacykow.

Mit der Wiedergründung eines unabhängigen polnischen Staates wurden sie aufgrund ihres Geburtsortes polnische Staatsbürger. Galizien war eine bitterarme Region. Aufgrund von Armut und Diskriminierung hatten zahlreiche Juden das Land in Richtung USA verlassen. Ein kleiner Teil wandte sich nach Deutschland, darunter jene, die nicht genügend Geld für die Reise nach Übersee besaßen.

Wir wissen nicht, was die Eheleute nach Gelsenkirchen führte. Wir wissen, dass sie hier lebten und in unserer Stadt ihre drei Kinder geboren wurden: am 27. November 1928 die älteste Tochter Ruth, am 21. November 1930 der Sohn Siegfried und am 2. Oktober 1937 als jüngstes Kind Mirjam.

Das Haus Hildegardstraße 21 – der letzte frei gewählte Wohnort der Familie Nussbaum..

Vater David Nussbaum und die jüngste Tochter Mirjam wurden im Rahmen der sogenannten „Polenaktion“ 1938 nach Polen ausgewiesen. Dabei wurden innerhalb von 3 Tagen rund 17.000 Juden polnischer Staatsangehörigkeit im gesamten Deutschen Reich verhaftet und nach Polen abgeschoben. Auslöser war eine Änderung des polnischen Passgesetzes, mit dem Polen die im Ausland lebenden jüdischen Staatsbürger auszubürgern beabsichtigte.

In Gelsenkirchen betraf die Aktion rund 80 jüdische Menschen jeden Alters.

Die größte Anzahl wurde über den Grenzübergang Bentschen/Zbazyn nach Polen abgeschoben, wo die überforderten polnischen Behörden sie zunächst in Eisenbahnwaggons festgehalten und in ehemaligen Kasernen und Ställen untergebracht haben. Zeitzeugen berichten von chaotischen Zuständen.

Nach diplomatischen Verhandlungen zwischen Nazi-Deutschland und Polen durften die Ausgewiesenen noch einmal an ihren früheren Wohnort zurückkehren um mit ihren Familien, persönlichen Gegenständen, evtl. der Wohnungs- oder Werkstatteinrichtung nach Polen auszureisen. Die Kosten mussten die Betroffenen selbst tragen.

Die heute nicht mehr vorhandene Wasserstraße mündete etwa hier in die Bismarckstraße. Das Haus mit der Nummer 16 befand sich unweit der Einmündung und wurde vermutlich im Krieg zerstört.

Vermutlich im Zusammenhang damit steht ein Umzug der Familie. Am 17. Juni 1939 zogen sie in die Wassergasse 16 um. Die Straße lag früher zwischen Paulinenstraße und Liboriusstraße und führte von der Kronprinzenstraße (das ist heute die Dresdener Straße) zur Bismarckstraße. Sie war noch bis 1955 in den Adressbüchern verzeichnet und ist heute überbaut.

Warum die Ausreise nach Polen im Fall der Familie Nussbaum nicht geschehen ist, wissen wir nicht. Vermutlich hat der Beginn des Zweiten Weltkriegs mit dem Überfall auf Polen am 1. September 1939 die Ausreise der Familie verhindert.

Was wir wissen ist, dass David Nussbaum nach einem Erlass vom 9. September 1939 in sogenannter „Schutzhaft“ genommen wurde und ins Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht wurde. Dort verstarb er am 9. Juni 1940, keine 40 Jahre alt, an einer Lungenentzündung.

Florastraße 84, hier wurde 2009 ein Stolperstein für Regine Spanier verlegt, einer der ersten Stolpersteine in Gelsenkirchen.

Am 30. August 1940 müssen Malka Nussbaum und ihre drei Kinder Ruth, Siegfried und Mirjam in ein sogenanntes „Judenhaus“ umziehen, in dem die Nazis vor Deportation und Vernichtung die jüdische Bevölkerung auf engem Raum konzentrierte. Sie ziehen in das Haus der Familie Spanier, Franz-Seldte-Strasse 84 (das ist heute Florastrasse 84) und leben Briefen zufolge in deren Wohnzimmer.

Die Familie Nussbaum findet Erwähnung in einem Brief der Tochter von Regina Spanier. Gertrud Reifeisen schreibt am 20. August 1940 in einem Brief an ihre Tochter Ilse, die mit einem der Kindertransporte nach Schweden reisen konnte und so überlebte: „… Du kennst ja wohl noch die Ruth Nussbaum. Der Mann war ja mit Vati zusammen fort und ist gestorben. Also die Frau mit den 3 Kindern ziehen zu uns in die Wohnung. Das kleinste Mädelchen ist 3 Jahre alt, und ein niedliches Kind. Es ist ja nicht sehr angenehm für Oma, denn die Unruhe wird groß werden, aber es lässt sich nicht ändern.“

Noch in zwei weiteren Briefen findet die Familie Nussbaum Erwähnung. Am 2. September 1940 schreibt Gertrud Reifeisen: „… Ruth und Siegfried sind ja große Kinder und machen wenig Unruhe, aber die kleine Mirjam ist – wie alle kleinen – sehr unruhig. Und außerdem fehlt uns der Raum sehr …“ Am 12. Dezember 1940 schreibt sie über die wohltuende Ruhe, da die kleine Mirjam mit einer harmlosen Nierenerkrankung seit 14 Tagen im Krankenhaus liege.

Waggon der Deutschen Reichsbahn. Hier ein Ausstellungsstück in der Gedenkstätte Radegast, Lodz.

Am 27. Januar 1942 werden Malka Nussbaum und ihre drei Kinder wie weitere rund 360 Juden aus Gelsenkirchen mit dem ersten Sammeltransport in das Ghetto Riga deportiert, nachdem sie zuvor in der Ausstellungshalle am Wildenbruchplatz zusammengepfercht worden waren. Der Zug der Deutschen Reichsbahn (heute Deutsche Bahn AG) fuhr in Gelsenkirchen vom Güterbahnhof ab und erreichte Riga am 1. Februar 1942.

Im Ghetto Riga lebten auf engstem Raum zuerst lettische Juden, nach ihrer Ermordung Juden aus Deutschland. Fast alle wurden im Ghetto, in den angrenzenden Wäldern oder benachbarten Konzentrationslagern von deutscher und lettischer SS ermordet.

Malka Nussbaum und Ihre Tochter Ruth wurden spätestens Anfang November 1943 im Zuge der Auflösung des Ghettos ermordet. Für die beiden jüngsten Kinder, Siegfried und Mirjam, ist als „Todesort“ nicht das Ghetto Riga, sondern „Riga-Jungfernhof, Außenlager Ghetto Riga“ angegeben. Dabei handelt es sich um ein drei bis vier Kilometer von Riga entferntes heruntergekommenes Gut mit Gutshaus, Scheunen, Baracken und Viehställen beim Dorf Jumpravmuiža.

Heute führen wir die Familie im Gedenken wieder zusammen.

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Eindrücke aus Danzig und Gdańsk

Touristenattraktion Danzig heute, wie es 1945 wieder aufgebaut worden ist.

Zum dritten Mal nutzte ich die Gelegenheit, mit dem DGB-Bildungswerk NRW e.V. eine polnische Stadt in Geschichte und Gegenwart kennen zu lernen. Nach Bildungsurlauben in Warschau (2015) und Lodz (2016) folgte dieses Mal Gdańsk/Danzig. „Stätten des Naziterrors – Studienseminar in Gdańsk/Danzig“ führte uns vom 27.08. bis 01.09.2017 auch zur KZ-Gedenkstätte Stutthof, zum in Polen umstrittenen „Museum des Zweiten Weltkriegs“ und zur Westerplatte, wo Nazi-Deutschland am 1. September 1939 um 4.45 Uhr den Zweiten Weltkrieg entfesselte. Einige Orte besuchte ich – teilweise erneut – nach dem Ende des Seminars auf eigene Faust.

Gdańsk ist heute eine Stadt mit 460.000 Einwohnern und im Norden Polens im Weichseldelta an der Ostsee gelegen. Die Stadt hat eine komplizierte Geschichte hinter sich. Danzig war im Mittelalter Hansestadt, wurde 1308 für rund 150 Jahre von den Rittern des Deutschen Ordens erobert, gehörte zu den größten Städten der Polnischen Adelsrepublik und wurde mit der zweiten polnischen Teilung 1793 erst ein Teil Preußens und 1871 ein Teil des Deutschen Reichs. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde es trotz mehrheitlich deutschsprachiger Bevölkerung 1920 zur „Freien Stadt“ erklärt und in das polnische Zollgebiet eingeschlossen. 1939 wurde es von Nazi-Deutschland „heim ins Reich“ geholt. 1945 wurde es endgültig an Polen angegliedert. Die deutsche Bevölkerung wurde vertrieben und durch ebenfalls vertriebene Polen aus den verlorenen polnischen Ostgebieten ersetzt. Im August 1980 wurde hier die unabhängige Gewerkschaft „Solidarność“ gegründet, die den Weg zu einem von der Sowjetunion unabhängigen Polen ebnete und zum Fall des „Eisernen Vorhangs“ führte, der Europa bis 1989 teilte.

Meine selbstorganisierte Anreise führte mich mit der polnischen Fluggesellschaft „LOT“ über Warschau nach Gdańsk. Wurde der Warschauer Flughafen nach dem Komponisten Frederic Chopin benannt, so ist der mit der „Solidarność“ verbundene Lech Walesa der Namensgeber für den Flughafen in Gdańsk. Auffallend viele Flüge kamen aus Skandinavien, was die Nähe der Ostseeanrainer zueinander zeigt. Das Seminar begann mit einer Vorstellungsrunde und einer Stadtführung. Letztere erfolgte sehr unterhaltsam auf humorvolle und subjektive Weise und war verbunden mit einem Schnelldurchgang durch zehn Jahrhunderte Danziger Geschichte. Interessant waren auch die Aspekte, die wir zum Wiederaufbau der Rechtsstadt nach 1945 erfuhren. Ohne die Leistungen des Wiederaufbaus zu schmälern, lässt sich die für Touristen attraktive Altstadt als hübsche „Theaterkulisse“ bezeichnen.

Zwei ausgewählte Eindrücke der Westerplatte: eine Freiluftausstellung, die den Ort erklärt (links), und ein Erinnerungsort an die Verteidiger der Westerplatte (rechts).

Verbunden mit einer Hafenrundfahrt besuchten wir anschließend die Westerplatte. Die Westerplatte ist für Polen ein nationales Symbol für den heldenhaften Widerstand im Zweiten Weltkrieg. Die Halbinsel in der Danziger Bucht diente in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen als militärisches Transitlager für Polen. Hier entfesselte Nazi-Deutschland den Zweiten Weltkrieg, als die „Schleswig-Holstein“ am 1. September 1939 um 4.45 Uhr mit dem Beschuss der Westerplatte begann. Die polnische Besatzung verteidigte sich unerwartet lange und kapitulierte erst am 7. September. Heute befindet sich hier unter anderem ein Denkmal, eine Gedenkstätte für die Verteidiger der Westerplatte und eine Ausstellung, die den Ort erklärt. Am 1. September 2017 fand hier um 4.45 Uhr eine jährlich stattfindende Gedenkveranstaltung statt.

Das wiederaufgebaute Gebäude der früheren Polnischen Post des Freistaats Danzig (links) und das Denkmal für die Verteidiger der Polnischen Post (rechts).

Im Westen vor allem durch Günter Grass „Die Blechtrommel“ bekannt geworden ist die Verteidigung der Polnischen Post. Polen hatte durch den Versailler Vertrag am Ende des Ersten Weltkriegs das Recht erhalten, einen eigenen Post-, Telefon- und Telegrafendienst zu verwalten. Mit dem deutschen Angriff auf die Westerplatte wurden auch die in Danzig befindlichen polnischen Einrichtungen besetzt. Der Angriff von Polizei und SS auf das Gebäude der Postdirektion und des Postamtes Nr. 1 stieß dort auf Widerstand. Die Postangestellten ergaben sich erst am späten Nachmittag. Das Postgebäude dient heute gleichermaßen als Postgebäude und als Museum, das eine Ausstellung über die Verteidigung der Polnischen Post wie über die Situation der polnischen Minderheit in der Freien Stadt Danzig beherbergt. Am 1. September war der Eintritt übrigens frei.

Eingangsbereich der KZ-Gedenkstätte Stutthof, links eine Jugendgruppe, rechts unsere Gruppe hinter dem rekonstruierten Lagertor.

Der zweite Tag führte uns hinaus auf die Frische Nehrung. Hier hatten die Nazis bereits am 2. September 1939 das Konzentrationslager Stutthof errichtet, das bis 1942 den lokalen Nazibehörden unterstand. Hier wurden rund 50 Kilometer von Danzig entfernt, umgeben von Kiefernwäldern und eingeschlossen von Ostsee und Haff, 120.000 Menschen inhaftiert. Die Hälfte von ihnen hat das Konzentrationslager nicht überlebt. Die Führung erfolgte durch einen wissenschaftlichen Mitarbeiter der Gedenkstätte, der über deutsche Häftlinge im KZ Stutthof forscht. Wir erfuhren, dass hier überwiegend Polen eingesperrt waren, aber gegen Kriegsende auch einige finnische Seeleute und norwegische Polizisten.

KZ-Gedenkstätte Stutthof: links das alte Lager, rechts das Mahnmal.

Das „Muzeum Stutthof w Sztutowie“ machte einen für mich irritierend aufgeräumten Eindruck. Es gab ein rekonstruiertes Lagertor sowie jeweils eine Reihe Baracken rechts und links, in denen neben originalen Einrichtungsgegenständen auch Ausstellungstafeln zu verschiedenen Themen untergebracht waren. Die Gebäude in der Mitte des Lagers waren nur an den Fundamenten zu erahnen. Eine bemerkenswerte Ausstellung zeigte die Veränderung des KZs in den verschiedenen Jahren. Ein sehr großes Modell zeigte die weitläufige Aufteilung des Lagers in seiner gesamten Ausdehnung. Im hinteren Teil gab es eine mit Stacheldraht zugesperrte Gaskammer und ein Krematorium zu besichtigen, dessen Öfen und Boden original erhalten waren. Des weiteren waren ein Mahnmal und eine Freiluftausstellung über das geheime Schul- und Bildungswesen der Polinnen im KZ Ravensbrück zu sehen.

Am dritten Tag, es war zugleich der sommerlichste Tag der ganzen Woche, besuchten wir zwei Museen hintereinander. Zuerst das in Polen umstrittene „Muzeum II Wojny Swiatowej“ (Museum des Zweiten Weltkriegs), danach das „Europejskie Centrum Solidarnośći“ (Europäisches Solidarność-Zentrum).

Museum des Zweiten Weltkriegs in Danzig.

Das Museum des Zweiten Weltkriegs wird von der derzeitigen, nationalistischen Regierung Polens angefeindet, da es zu wenig die polnische Sicht darstellen würde. Tatsächlich zeigt das Museum sehr viel mehr als eine polnische Sicht des Zweiten Weltkriegs. Es beginnt sehr weit vor 1939, nämlich mit dem Untergang des Vorkriegseuropas im Ersten Weltkriegs 1914 bis 1918. Es thematisiert den Aufstieg des Kommunismus in der Sowjetunion, des Faschismus in Italien und des Nationalsozialismus in Deutschland. Dachte ich zunächst, dass hier nur wieder die Totalitarismustheorie fröhliche Urstände feiert, geht die Ausstellung weiter. Es folgen der Francismus in Spanien und der Imperialismus Japans.

In allen drei Teilen der Ausstellung, Wege zum Krieg, Schrecken des Krieges und der lange Schatten des Krieges, schafft es die Ausstellung, viele, viele unterschiedliche Seiten zu beleuchten. Die militärische Seite des Weltkrieges spielt dabei nur eine kleine Rolle, im Vordergrund steht das Leiden der Zivilbevölkerung durch Bombenkrieg, Blockade, Umsiedlung, Konzentrationslager und Holocaust. Verbunden sind historische Abläufe mit Einzelschicksalen, die auf unterschiedliche Weise in der Ausstellung präsentiert werden. Eine Fülle an Portraitfotos versucht die unbegreifliche Zahl Ermordeter fassbar zu machen.

Museum des Zweiten Weltkriegs in Danzig.

Auch die Architektur ist Bestandteil der Ausstellung. Schräge Wände und dunkle Ecken symbolisieren Enge und Unwegsamkeit. Nach zahlreichen dunklen Räumen tritt man plötzlich in einen hellerleuchteten Raum, der den Atombombenabwurf auf Hiroshima thematisiert. Ich kann mich nicht erinnern, bisher eine derartige, wirklich multiperspektivische Ausstellung zum Zweiten Weltkrieg gesehen zu haben, der alle Kriegsschauplätze umfasst. Es wäre eine Schande, diese Dauerausstellung wieder aufzulösen!

Die Aufteilung Polens zeigt links eine Darstellung im Museum des Warschauer Aufstands (Warschau). Der Unterschied zum Museum des Zweiten Weltkriegs (Danzig) ist rechts deutlich erkennbar: das aufgeteilte Polen liegt in Europa.

Selbstverständlich war ich daran interessiert, als bleibendes Erinnerungsstück an diese Ausstellung einen Ausstellungskatalog zu erwerben. Umso überraschter war ich, als in dem angeschlossenen Museumsshop kein Exemplar, weder auf polnisch noch auf englisch, erhältlich war. Im Buchhandel eines Einkaufszentrums wurde ich schließlich fündig. Auch ein deutliches Signal.

Europäisches Solidarnosc-Zentrum auf dem Gelände der ehemaligen Lenin-Werft.

Das Europäische Solidarność-Zentrum schloss mit seiner Ausstellung „Wege zur Freiheit“ zur Geschichte der Solidarność direkt an das Museum des Zweiten Weltkriegs an. Vor dem Eingang befindet sich das Denkmal für die 1970 während der Streiks erschossenen Arbeiter. Auf dem Gelände der ehemaligen Lenin-Werft gelegen, schildert die Ausstellung die Geschichte der unabhängigen Gewerkschaft und Bürgerbewegung Solidarność. Deutlich wird hier auch der Einfluss der katholischen Kirche in Bezug auf die Solidarność.

Ein Besuch der Brigittenkirche zeigte einmal mehr die Verbindung zwischen der Solidarność und der Katholischen Kirche. Sie war mit Solidarność-Fahnen geschmückt und erinnerte an den 31. August 1980, als ein Abkommen zwischen der damaligen Regierung der Volksrepublik Polen und der unabhängigen Gewerkschaft Solidarność geschlossen worden ist, der die Solidarność bald zu einer Bürgerbewegung machte. Doch der so genannte „Karneval der Solidarność“ endete vorläufig am 13. Dezember 1981 mit der Verhängung des Kriegsrechts und der Internierung ihrer Anführer um Lech Walesa.

Solidarnosc und die Katholische Kirche. Rechts ein Standbild des früheren Papst Johannes Paul II. an der Seite der Brigittenkirche, die mit Solidarnosc-Fahnen geschmückt war.

Am vierten Tag fuhren wir mit dem Zug nach Malbork und besichtigten dort die Marienburg. Sie gehört zu den größten und berühmtesten Burgen des Mittelalters in Europa. Die Marienburg war ein christlicher Wallfahrtsort, Hochmeisterresidenz des Deutschen Ordens (der für 150 Jahre auch Danzig beherrschte), Nebenresidenz der polnischen Könige, preußische Kaserne und zählt heute zu einer Touristenattraktion, die bevorzugt von vielen deutschen Touristen besucht wird. Zu den unerwarteten und bemerkenswertesten Einrichtungen gehört die Fußbodenheizung in verschiedenen Räumen. Seit 1998 wurde die Marienburg von der UNESCO in das Weltkulturerbe aufgenommen.

Zwei ausgewählte Eindrücke der Marienburg, ein beliebtes Ziel für deutsche Touristen.

Die Marienburg ist ein Klassiker der Herrschaftsarchitektur. Sie entstand zwischen 1280 und Mitte des 15. Jahrhunderts auf einem früheren Heiligtum der Pruzzen. Aufgeteilt in Hochschloss, Mittelschloss, Vorburg und umgeben von zwei turmbesetzten Mauerringen war sie einst uneinnehmbar. Von hier aus beherrschten die Ritter des Deutschen Ordens ein Gebiet, dass Pomerellen oder Westpreußen und das spätere Ostpreußen umfasste. Weitere Gebiete beherrschte der Deutsche Orden im Baltikum mit dem heutigen Estland und Lettland.

Der fünfte und letzte Seminartag diente der Auswertung. Wie in allen Studienfahrten seit 2014 waren zu Beginn kleine Arbeitsgruppen mit spezifischen Fragestellungen gebildet worden, die mittels Fotopräsentation und kurzen Berichten ihre Ergebnisse vorstellten. Diese Art der Auswertung bildete zugleich die gesamte Woche und eine ganze Reihe diskutierter Fragen der Teilnehmer ab.

Meine wiederum selbstorganisierte Rückreise am 03.09.2017 führte mit wieder mit der polnischen „LOT“ über Warschau zurück nach Deutschland. Im Flugzeug saß neben mir – welch ein Zufall – eine Polin, die vor Jahrzehnten nach Kanada ausgewandert war, nun in Toronto lebte und für eine kurze Zeit Freunde in Polen und weitere europäische Länder besucht hatte. Wie man sich denken kann, hatten wir sehr viel Gesprächsstoff und der Flug „verging wie im Fluge“.

Zu den Eindrücken zählte natürlich auch das leckere Essen. Im Bild eine schmackhafte Kaschubische Kartoffelsuppe.

Geschichte vor der Haustür: Hildegardstraße 21

400 Meter oder 5 Minuten Fußweg von meiner Wohnung entfernt befindet sich die Hildegardstraße, eine ruhige Wohnstraße. Hier wohnte in Haus Nummer 21 in den 1930er Jahren die Familie Nussbaum. Sie wurde vollständig durch die Vernichtungspolitik der Nazis ausgelöscht.

Die Eheleute David und Malka Nussbaum stammten aus Galizien, dem Teil Polens, der bis zum Ende des Ersten Weltkriegs zu Österreich-Ungarn gehört hatte. David Nussbaum wurde am 25. Mai 1901 in Rozniatow geboren, Malka Nussbaum, geboren Rechtschaffen am 14. Mai 1903 in Pacykow. Mit der Wiedergründung eines unabhängigen polnischen Staates 1918 wurden sie aufgrund ihres Geburtsortes polnische Staatsbürger. Galizien war eine bitterarme Region. Aufgrund von Armut und Diskriminierung verließen zwischen 1881 und 1910 etwa 237.000 Juden das Land in Richtung USA, dem Land ihrer Sehnsüchte. Ein verhältnismäßig kleiner Teil wandte sich nach Deutschland, darunter auch jene, die nicht genügend Geld für die Weiterreise nach Übersee besaßen. (vgl. Tomaszewski, Jerzy: Auftakt zur Vernichtung. Die Vertreibung polnischer Juden aus Deutschland im Jahre 1938. Osnabrück 2002).

Das Haus Hildegardstraße 21 befindet sich heute in einer ruhigen Wohnstraße in Bulmke-Hüllen.

Wir wissen nicht, was die Eheleute nach Gelsenkirchen führte. Wir wissen nur, dass sie hier lebten und in unserer Stadt ihre drei Kinder geboren wurden: am 27. November 1928 die älteste Tochter Ruth, am 21. November 1930 der Sohn Siegfried und am 2. Oktober 1937 als jüngstes Kind Mirjam.

Nach Recherchen der Arbeitsgruppe Stolpersteine wurden Vater David Nussbaum und die jüngste Tochter Mirjam im Rahmen der sogenannten „Polenaktion“ nach Polen ausgewiesen. Im Rahmen dieser „Aktion“ wurden zwischen dem 27. und dem 29. Oktober 1938 rund 17.000 Juden polnischer Staatsangehörigkeit in einer Nacht-und-Nebel-Aktion im gesamten Deutschen Reich verhaftet und nach Polen abgeschoben. Auslöser war eine Änderung des polnischen Passgesetzes, mit dem Polen die im Ausland lebenden jüdischen Staatsbürger auszubürgern beabsichtigte. In Gelsenkirchen betraf die Aktion rund 80 jüdische Menschen jeden Alters. Die größte Anzahl Menschen, etwa 9000, wurde über den Grenzübergang Bentschen/Zbazyn nach Polen abgeschoben, wo die überforderten polnischen Behörden sie zunächst in Eisenbahnwaggons festgehalten und in ehemaligen Kasernen und Ställen untergebracht haben. Zeitzeugen berichten von chaotischen Zuständen.

Nach diplomatischen Verhandlungen zwischen Nazi-Deutschland und Polen durften die Ausgewiesenen noch einmal an ihren früheren Wohnort zurückkehren um mit ihren Familien, persönlichen Gegenständen, evtl. der Wohnungs- oder Werkstatteinrichtung nach Polen auszureisen. Die Kosten mussten die Betroffenen selbst tragen. Vermutlich im Zusammenhang mit der Rückkehr steht ein Umzug der Familie. Mit Datum vom 17. Juni 1939 ist im Melderegister der Stadt Gelsenkirchen eine Ummeldung zur Wassergasse 16 vermerkt. Die Straße lag zwischen Paulinenstraße und Liboriusstraße und führte von der Kronprinzenstraße (heute Dresdener Straße) zur Bismarckstraße. Sie war noch bis 1955 in den Adressbüchern verzeichnet und ist heute überbaut.

Die heute nicht mehr vorhandene Wasserstraße mündete etwa hier in die Bismarckstraße. Das Haus mit der Nummer 16 befand sich unweit der Einmündung und wurde vermutlich im Krieg zerstört.

Warum die Ausreise im Fall der Familie Nussbaum nicht geschehen ist, wissen wir nicht. Möglicherweise hat der Beginn des Zweiten Weltkriegs mit dem Überfall auf Polen am 1. September 1939 die Ausreise der Familie verhindert. Doch auch eine Ausreise hätte sie nicht vor ihrer Vernichtung geschützt, wie wir aus zahllosen anderen Beispielen wissen.

Was wir wissen ist, dass David Nussbaum nach einem Erlaß vom 9. September 1939 in sogenannter „Schutzhaft“ genommen wurde und ins Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht wurde. Dort verstarb er am 9. Juni 1940, keine 40 Jahre alt, an einer Lungenentzündung, einer Todesursache, die wir aufgrund der heutigen Kenntnis von den Bedingungen in KZs bezweifeln dürfen.

Am 30. August 1940 müssen Malka Nussbaum und die drei Kinder Ruth, Siegfried und Mirjam in ein sogenanntes „Judenhaus“ umziehen, in dem die Nazis vor Deportation und Vernichtung die jüdische Bevölkerung auf engem Raum konzentrierte. Sie ziehen in das Haus der Familie Spanier, Franz-Seldte-Strasse 84 (heute Florastrasse 84) und leben Briefen zufolge in deren Wohnzimmer.

Florastraße 84, hier wurde am 13. Juli 2009 ein Stolperstein für Regine Spanier verlegt, einer der ersten Stolpersteine in Gelsenkirchen.

Die Familie Nussbaum findet Erwähnung in einem Brief der Tochter von Regina Spanier. Gertrud Reifeisen schreibt am 20. August 1940 in einem Brief an ihre Tochter Ilse, die mit einem der Kindertransporte nach Schweden reisen konnte und so überlebte: „… Du kennst ja wohl noch die Ruth Nussbaum. Der Mann war ja mit Vati zusammen fort und ist gestorben. Also die Frau mit den 3 Kindern ziehen zu uns in die Wohnung. Das kleinste Mädelchen ist 3 Jahre alt, und ein niedliches Kind. Es ist ja nicht sehr angenehm für Oma, denn die Unruhe wird groß werden, aber es lässt sich nicht ändern.“

Noch in zwei weiteren Briefen findet die Familie Nussbaum Erwähnung. Am 2. September 1940 schreibt Gertrud Reifeisen: „… Ruth und Siegfried sind ja große Kinder und machen wenig Unruhe, aber die kleine Mirjam ist – wie alle kleinen – sehr unruhig. Und außerdem fehlt uns der Raum sehr …“ Am 12. Dezember 1940 schreibt sie über die wohltuende Ruhe, da die kleine Mirjam mit einer harmlosen Nierenerkrankung seit 14 Tagen im Krankenhaus liege.

Am 27. Januar 1942 werden Malka Nussbaum und ihre drei Kinder wie weitere rund 360 Juden aus Gelsenkirchen mit dem ersten Sammeltransport in das Ghetto Riga deportiert, nachdem sie zuvor in der Ausstellungshalle am Wildenbruchplatz zusammengepfercht worden waren. Der Zug der Deutschen Reichsbahn fuhr in Gelsenkirchen vom Güterbahnhof ab und erreichte Riga am 1. Februar 1942. Im Ghetto Riga lebten auf engstem Raum zuerst lettische Juden, später Juden aus Deutschland. Fast alle wurden im Ghetto, in den angrenzenden Wäldern oder benachbarten Konzentrationslagern von deutscher und lettischer SS ermordet.

Malka Nussbaum und Ihre Kinder Ruth, Siegfried und Mirjam wurden Anfang November 1943 im Zuge der Auflösung des Ghettos ermordet. Ruth, die älteste Tochter, war zu diesem Zeitpunkt fast 15 Jahre alt, Sohn Siegfried fast 13 und Mirjam, das jüngste Kind der Familie, war gerade einmal sechs Jahre alt.

Supplement
Im „Gedenkbuch des Bundesarchivs für die Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung in Deutschland (1933-1945)“ ist für die beiden jüngsten Kinder, Siegfried und Mirjam, als „Todesort“ nicht das Ghetto Riga, sondern „Riga-Jungfernhof, Außenlager Ghetto Riga“ angegeben. Dabei handelt es sich um ein drei bis vier Kilometer von Riga entferntes heruntergekommenes Gut mit Gutshaus, Scheunen, Baracken und Viehställen beim Dorf Jumpravmuiža.

Geschichte und Gegenwart – Eindrücke aus Lodz und Kulmhof

Zum dritten Mal reiste ich mit dem DGB-Bildungswerk NRW an Erinnerungsorte, zum zweiten Mal ging es nach Polen. Besuchten wir im Rahmen eines Studienseminars 2014 Orte in Belgien und Nordfrankreich, die an die Schrecken des Ersten Weltkrieges im Westen erinnerten, fuhren wir 2015 nach Warschau und Treblinka zu Orten, die an Nazi-Terror und Zweiten Weltkrieges erinnerten. In diesem Jahr standen vom 28.08. bis 02.09.2016 die Stadt Lodz, von den Nazis während der Besetzung in Litzmannstadt umbenannt, und das Vernichtungslager Kulmhof (Chelmno on Ner) auf dem Programm. Zugleich bot der Besuch in Lodz die Erkundung einer ehemals multikulturellen Stadt mit einer an das Ruhrgebiet erinnernden Industriegeschichte, die in einen aus dem Ruhrgebiet bekannten Strukturwandel mündete. Für die Organisation sorgte wie im vergangenen Jahr Hartmut Ziesing Bildungs- und Studienreisen.

Darstellung in der Ausstellung der Gedenkstätte Bahnhof Radegast.

Die Darstellung in der Ausstellung der Gedenkstätte Bahnhof Radegast zeigt die Eroberung und Teilung Polens.

Zur polnischen Geschichte gehört die Erfahrung, zwischen übermächtigen Nachbarn erdrückt zu werden. Hierzu gehören nicht nur die drei polnischen Teilungen im 18. Jahrhundert, die Polen zwischen dem russischen Zarenreich, dem Königreich Preußen und der Habsburgermonarchie Österreich aufteilten und von der Landkarte verschwinden ließen, sondern auch die Aufteilung des nach dem Ersten Weltkriegs neu entstandenen polnischen Staates 1939 zu Beginn des Zweiten Weltkrieges durch Nazi-Deutschland und die Sowjetunion. Eine Karte in der Gedenkstätte Bahnhof Radegast stellt diesen Sachverhalt anschaulich dar. In Bezug auf die Entfesselung des Zweiten Weltkrieges durch Nazi-Deutschland am 1. September 1939 unterscheidet sich die Erinnerung zwischen Deutschland und Polen. Während in Deutschland eher an den von Nazis gefälschten „Überfall Polens auf den Sender Gleiwitz“ erinnert wird, steht in Polen die Verteidigung der Westerplatte bei Danzig im Mittelpunkt.

Hotel Grand auf der Piotrkowska in Lodz.

Hotel Grand auf der Piotrkowska in Lodz, einer einzigartigen Prachtstraße.

Untergebracht waren wir im Hotel Grand, einem seit 1888 bestehendem eleganten Hotel. Erwarteten die Gäste damals „modern ausgestattete, mit Gas beleuchtete Zimmer mit Sanitäranlagen und transportablen Waschbecken“, so besaßen 1913 „einige Appartements“ bereits elektrische Beleuchtung, Telefon sowie „Waschbecken mit warmem und kaltem Wasser“. In der Gegenwart hat das Hotel noch viel von seinem Charme aus der Vorvorkriegszeit erhalten, trotz Dusche und W-LAN. Das Hotel Grand befindet sich auf der Piotrkowska Straße 72, einer 4,2 km langen einzigartigen Prachtstraße mit einem erhaltenen Ensemble originaler Großstadtarchitektur aus dem 19. Jahrhundert. Da Lodz während des Zweiten Weltkrieges, anders als Warschau, nicht zerstört wurde, sind im Stadtgebiet noch die zahlreichen Villen, Paläste und Industriebauten der im 19. Jahrhundert aufstrebenden Textilindustrie zu sehen. Lodz gehörte seit dem Wiener Kongress 1815 zum Russischen Zarenreich („Kongresspolen“) und war eine multikulturelle und multiethnische Stadt, in der Deutsche, Juden, Polen und Russen lebten und arbeiteten.

Der Palast des jüdischen Fabrikanten Israel Poznanski beherbergt heute ein Museum.

Der Palast des jüdischen Fabrikanten Israel Poznanski beherbergt heute ein Museum.

Im Verlauf der Woche besuchten wir Palast und Fabrikimperium des jüdischen Fabrikanten Israel Poznanski, die heute das Museum der Stadt Lodz bzw. mit der Manufaktura ein postindustrielles Einkaufs- und Unterhaltungszentrum beherbergen, sowie Villa, Fabrikgebäude und Arbeiterviertel des deutschen Fabrikanten Karl Scheibler, in denen sich heute ein Museum der Polnischen Kinematographie bzw. moderne Lofts oder Wohnungen befinden. Lodz war in seiner Glanzzeit nach Warschau die zweitgrößte Stadt Polens, heute ist sie auf den dritten Platz nach Warschau und Krakau gerutscht.

Ghetto Litzmannstadt

Der von Nazi-Deutschland 1939 besetzte Teil Polens wurde teilweise direkt an Deutschland angeschlossen, der Rest als „Generalgouvernement“ verwaltet. Lodz gehörte zu dem Gebiet, das dem Deutschen Reich angeschlossen wurde. Die Stadt befand sich im neu gegründeten Gau Wartheland und wurde in Litzmannstadt umbenannt.

Beispiel für eines der erhaltenen Gebäude des ehemaligen Ghettos.

Beispiel für eines der erhaltenen Gebäude des ehemaligen Ghettos.

Wie auch in Warschau und anderen polnischen Städten sperrten die Nazis die jüdische Bevölkerung in eigenen Wohnbezirken ein, auch die polnische wurde von der deutschen Bevölkerung stadträumlich getrennt. Das 1940 errichtete Ghetto Litzmannstadt umfasste dabei den ärmsten Teil der Stadt. Es handelt sich um das am längsten existierende Ghetto „und zugleich die zweitgrößte Konzentrations- und Zwangsarbeitsstätte für die jüdische Bevölkerung auf polnischem Gebiet“. Anders als in Warschau sind noch zahlreiche Gebäude vorhanden, aber nicht auf den ersten Blick erkennbar. Ehemalige Synagogen, die in anderen Teilen der Stadt gesprengt wurden, werden heute in anderer Funktion genutzt. Kirchen, die im Ghetto als Lager genutzt wurden, werden heute wieder als Kirche genutzt. Andere Gebäude werden als Wohngebäude genutzt und an ihnen kann man sehen, dass es sich damals wie heute um den ärmeren Teil der Stadt handelt.

Bodendenkmal erinnert wie ein Stolperstein auf dem Gelände des ehemaligen Ghettos.

Bodendenkmal erinnert wie ein Stolperstein auf dem Gelände des ehemaligen Ghettos.

Zu den umstrittenen Personen gehört der von den Nazis eingesetzte Älteste des Judenrates, Chaim Rumkowski. Er setzte darauf, dass sich die Juden des Ghettos durch ihre Arbeitskraft unentbehrlich machten („Unser einziger Weg ist Arbeit!“), gab allerdings dadurch die nichtarbeitsfähigen Kinder, Alten und Kranken der Vernichtung preis. Ende 1942 arbeiteten etwa 80 % der Ghetto-Bevölkerung in 90 Abteilungen, später 95 % in 96 Abteilungen. Im Ergebnis existierte das Ghetto Litzmannstadt am längsten von allen NS-Ghettos. Rumkowski selbst überlebte nicht.

Bahnhof Radegast

Zug der Deutschen Reichsbahn - Ausstellungsstück der Gedenkstätte Bahnhof Radegast.

Zug der Deutschen Reichsbahn – Ausstellungsstück der Gedenkstätte Bahnhof Radegast.

Die Gedenkstätte Bahnhof Radegast „ist ein im Original erhalten gebliebenes Bahngebäude aus dem Jahre 1941“. Hier wurden Produkte, Lebensmittel und Rohstoffe in das Ghetto und gefertigte Produkte aus dem Ghetto transportiert. Ab Januar 1942 gingen von hier die Transporte in die Vernichtungslager ab. Zur Gedenkstätte gehören eine Dampflok mit Waggons, die an die Deportationen erinnern, eine Ausstellung zum Ghetto Lodz mit einem noch unvollständigen Modell des Ghettos sowie einer weiteren Ausstellung mit Briefen aus dem Ghetto. Neben einer Gedenkwand mit den Namen der Konzentrations- und Vernichtungslager gibt es einen langen Tunnel, der Ereignisse von 1939 bis 1945 und die Deportationslisten zeigt. Träger der Gedenkstätte ist das Museum der Unabhängigkeitstraditionen Lodz.

Gedenkstätte Bahnhof Radegast - Tunnel mit Zeitleiste und Deportationslisten.

Gedenkstätte Bahnhof Radegast – Tunnel mit Zeitleiste und Deportationslisten.

Schmiede der Roma

Im Rahmen des Ghettos wurde 1941/42 ein „Zigeunerlager“ verwaltet, in dem rund 5000 Roma aus dem österreichisch-ungarischen Grenzgebiet zusammengepfercht worden waren. Die Insassen wurden vom Bahnhof Radegast in das Vernichtungslager Kulmhof gebracht und dort ermordet. Eine Ausstellung in der „Schmiede der Roma“, einem unscheinbaren Gebäude des ehemaligen „Zigeunerlagers“ erinnert an den Völkermord an den Roma unter Berücksichtigung der Geschichte des Lagers.

Modell des ehemaligen "Zigeunerlagers" in der Gedenkstätte Bahnhof Radegast.

Modell des ehemaligen „Zigeunerlagers“ in der Gedenkstätte Bahnhof Radegast. Die „Schmiede der Roma“ ist das kleine Gebäude am linken Gebäude.

Vernichtungslager Kulmhof

Kulmhof gehörte zu den Vernichtungslagern, die von den Nazis extra in entlegenen und wenig bevölkerten Gebieten errichtet wurden. Ihr einziger, perverser Zweck war es, Menschen massenhaft zu ermorden. Das Lager wurde in der Zeit von Dezember 1941 bis April 1943 und erneut zur Auflösung des Ghettos Lodz 1944/45 betrieben. Die ersten Opfer stammten aus den Ghettos der umliegenden Städte, später kamen Juden und Roma aus Lodz bzw. weiteren Ländern hinzu. Die Ermordung geschah in LKWs durch Auspuffgase auf dem Weg von einem Gutshaus zu einem etwa 4 km entfernten Wald, wo die Ermordeten in Massengräbern verscharrt wurden. Um die Spuren zu verwischen, wurden die Leichen später wieder ausgegraben und in Krematorien verbrannt. Die Knochen wurden zerkleinert, Asche und Knochenreste erneut vergraben. Auch das Gutshaus wurde gesprengt. Eine ausführliche Beschreibung befindet sich auf deathcamps.org.

Foto aus der Ausstellung der Gedenkstätte Kulmhof, das einen der Gaswagen zeigt, mit deren Auspuffgasen die Ermordung auf dem Weg zum Wald stattfand.

Foto aus der Ausstellung der Gedenkstätte Kulmhof, das einen der Gaswagen zeigt, mit deren Auspuffgasen die Ermordung auf dem Weg zum Wald stattfand.

Heute befindet sich auf dem Gelände um die ausgegrabenen Fundamente des Gutshauses eine Gedenkstätte mit einer Ausstellung. Zu den Besuchern gehören im wesentlichen Gruppen aus Israel oder jüdische Gruppen aus aller Welt, Deutsche Besucher gibt es fast gar nicht. Auf dem Gelände des ehemaligen Waldlagers befinden sich heute verschiedene Denkmale sowie markierte Grabfelder, auf denen die Konzentration von Asche und Knochenreste am größten ist. Eigentlich ist das ganze ehemalige Waldlager ein großer Friedhof.

Gedenkstätte Kulmhof - Waldlager. Im Bild eines von vielen Massengräbern, in denen sich Asche und Knochenreste befinden.

Gedenkstätte Kulmhof – Waldlager. Im Bild eines von vielen Massengräbern, in denen sich Asche und Knochenreste befinden. Den Nazis gelang es nicht, alle Spuren zu beseitigen.

Überleben

Wird an vielen Gedenkorten das Andenken an die Ermordeten gepflegt, so wird im Survivor’s Park an die Überlebenden und im Ehrenhain für die Gerechten unter den Völkern an die Retter erinnert. Im ebenfalls dort gelegenen Marek-Edelmann-Zentrum für Dialog gab es im Rahmen des Seminars eine Begegnung mit dem Zeitzeugen Leon Weintraub, einem betagten Überlebenden des Ghettos Litzmannstadt. Er lebt in Schweden und war anlässlich der Feierlichkeiten des 72. Jahrestages der Liquidierung des Ghettos Litzmannstadt nach Lodz gereist. Er erzählte unter anderem von den Zufälligkeiten, die dazu führten, dass man überlebte. Im KZ Auschwitz, wohin er von Litzmannstadt aus transportiert worden war, sah er vor einem Block eine Gruppe nackter Männer, die mit einer Nummer versehen, auf ihre Einkleidung warteten, um zu einem Arbeitseinsatz nach draußen gebracht zu werden. Kurz entschlossen zog er sich ebenfalls aus und stellte sich hinzu; dass ihm keine Nummer eintätowiert worden war, fiel nicht weiter auf. Später stellte sich heraus, dass alle anderen aus seinem Block ermordet worden sind. Er überlebte.

Ausstellung zu Überlebenden des Holocaust, darunter auch Leon Weintraub, im Marek-Edelmann-Zentrum für Dialog.

Ausstellung zu Überlebenden des Holocaust, darunter auch Leon Weintraub, im Marek-Edelmann-Zentrum für Dialog.

Spurensuche

Spuren ehemaligen jüdischen Lebens lassen sich natürlich zahlreich auf dem Jüdischen Friedhof finden. Das für mich besondere an diesem Friedhof ist, dass hier viele Gräber orthodoxer Juden bewusst dem Verfall preis gegeben sind. Inzwischen gibt es wieder eine kleine jüdische Gemeinde, so dass auf ihm nach langer Zeit auch wieder neue Bestattungen stattfinden. Doch auch in Lodz selbst lässt sich die eine oder andere Spur finden, wie das folgende Foto zeigt.

Im Hinterhof der Piotrkowska 88 findet sich diese Spur. Wer genau hinschaut, kann den Davidstern erkennen.

Im Hinterhof der Piotrkowska 88 findet sich diese Spur. Wer genau hinschaut, kann den Davidstern erkennen.

Das gelobte Land

Im Rahmen des Seminars besuchten wir die Filmhochschule, die mit Namen wie Roman Polanski und Andrzej Wajda verbunden ist. Von letzterem stammt mit „Das gelobte Land“ ein eindrucksvoller Film über das Lodz des 19. Jahrhunderts. Das in Deutschland bekannte Lied „Theo wir fahr’n nach Lodz“, ein Schlager, gesungen von Vicky Leandros (1974), thematisierte die Landflucht des 19. Jahrhunderts. Auf youtube findet sich ein wundervoller Werbefilm, den die Stadt Lodz 2009 produzieren ließ und der den Text aus dem Jahre 1974 aufnimmt.

Redebeitrag zum Antikriegstag 2015 an Stolpersteinen der Familie Krämer

Stolpersteinverlegung für die Familie Krämer am 8. Oktober 2012

Stolpersteinverlegung für die Familie Krämer am 8. Oktober 2012

Seit dem 8. Oktober 2012 erinnern hier in der Von-der-Recke-Straße 10 vier Stolpersteine an die Familie Krämer, die weder in Polen noch in Deutschland eine Heimat finden durften. Darüber möchte ich euch kurz berichten.

Von der Reichspogromnacht 1938 haben alle schon gehört, die sogenannte „Polenaktion“ zwei Wochen vorher ist jedoch durch die nachfolgenden Ereignisse in Vergessenheit geraten.

Zwischen dem 27. und dem 29. Oktober 1938 wurden rund 17.000 Juden polnischer Staatsangehörigkeit in einer Nacht-und-Nebel-Aktion im gesamten Deutschen Reich verhaftet und nach Polen abgeschoben. Auslöser war eine Änderung des polnischen Passgesetzes, mit dem Polen die im Ausland lebenden jüdischen Staatsbürger auszubürgern beabsichtigte.

In Gelsenkirchen betraf die Aktion rund 80 jüdische Menschen jeden Alters, darunter auch die Familie Krämer. Zur Familie gehören der 43jährige Familienvater, Selig Uscher Krämer, seine 38jährige Frau Perla Krämer sowie die beiden Kinder, der 12jährige Max und die 5jährige Charlotte.

Vater Krämer und seine Frau stammten aus Otynia in Galizien in Südpolen. Ihr Sohn Max war noch dort am 3. März 1926 geboren worden. 1930 kamen sie aus Rotterdam nach Gelsenkirchen, wo am 12. Januar 1933 Tochter Charlotte geboren wurde.
Vater Krämer wurde am 28. Oktober 1938 nach Zbazyn in Polen abgeschoben, während Frau und Kinder in das sogenannte „Judenhaus“ an der damaligen Hindenburgstraße 38 (heute Husemannstraße) übersiedeln mussten.

Der polnische Historiker Jerzy Tomaszewski beschreibt in seinem Buch „Auftakt zur Vernichtung“ (Osnabrück 2002), dass in einigen Orten ganze Familien ohne Rücksicht auf das Alter und den Gesundheitszustand der Familienangehörigen ausgewiesen wurden, während in anderen Orten nur die Männer verhaftet wurden. Manche wurden mitten in der Nacht von Gestapo, SA oder SS aus ihren Wohnungen gescheucht und im Nachthemd mitgenommen, anderen wurde es erlaubt, ein wenig Handgepäck und Lebensmittel mitzunehmen.

An Bargeld durfte aufgrund der Devisenbestimmungen pro Person maximal 10 Reichsmark mitgenommen werden. Die Verhafteten wurden auf Polizeiposten oder in Gefängnissen, Turnhallen, Synagogen, Kasernen oder anderen Gebäuden untergebracht und nach Stunden zur Abfahrt der Sonderzüge zum Bahnhof gebracht.

In der Mehrzahl handelte es sich bei den Ausgewiesenen um kleine Leute, Händler, Handwerker, Freiberufler, Arbeiter, die schon länger im Deutschen Reich lebten und deren Verbindung zum polnischen Staat oft nur formeller Art war.

Die Abschiebung über die polnische Grenze erfolgte unter denselben katastrophalen Bedingungen wie die gesamte Aktion. Die Transporte mit der Reichsbahn trafen auf kleine Grenzübergänge, die dem Ansturm nicht gewachsen waren. Daneben wurden Gruppen von Juden unter Zurücklassung ihrer wenigen Gepäckstücke und unter Umgehung aller Passformalitäten über die grüne Grenze gejagt.

Die größte Anzahl Menschen, etwa 9000, wurde über den Grenzübergang Bentschen/Zbazyn nach Polen abgeschoben, wo die überforderten polnischen Behörden sie zunächst in Eisenbahnwaggons festgehalten und in ehemaligen Kasernen und Ställen untergebracht haben.

Zeitzeugen berichten von chaotischen Zuständen. Einem Teil der Ausgewiesenen ist es gelungen, sich mit Freunden oder Verwandten in Verbindung zu setzen und nach Zentralpolen weiter zu reisen, die meisten, etwa 7000, mussten jedoch auf Beschluss der polnischen Regierung bleiben und wurden in Zbazyn interniert.

Zwischen dem Dritten Reich und Polen begannen diplomatische Verhandlungen über das Schicksal der Ausgewiesenen und der noch in Deutschland befindlichen Familienmitglieder. Die deutsche Seite setzte ihre Position durch, nach der die Ausgewiesenen noch einmal an ihren früheren Wohnort zurückkehren konnten, um mit ihren Familien, persönlichen Gegenständen, evtl. der Wohnungs- oder Werkstatteinrichtung nach Polen auszureisen. Die Kosten mussten die Betroffenen selbst tragen.

Zu ihnen gehörte auch Vater Krämer, der am 13. April 1939 vorübergehend nach Gelsenkirchen zurückkehrte. Die ganze Familie wurde dann im Mai 1939 im Einwohnermeldeamt „nach Polen abgemeldet“.

Keine 4 Monate später, am 1. September 1939, entfesselte Nazi-Deutschland mit seinem Überfall auf Polen den Zweiten Weltkrieg. Die Spuren der ausgewiesenen Juden verlieren sich zumeist in einem der unzähligen Ghettos. Zu vielen Opfern der „Polenaktion“ lassen sich jedoch bis heute keine genauen Aussagen treffen, ihre Schicksale bleiben auch nach heutigem Kenntnisstand ungewiss.

Dies betrifft auch die Familie Krämer. Ihre Spur verliert sich im Mai 1939, als sie Gelsenkirchen verlassen mussten.

Eindrücke aus Warschau und Treblinka

Nachdem ich im vergangenen Jahr mit dem DGB-Bildungswerk NRW e.V. Erinnerungsorte des Ersten Weltkrieges in Belgien und Nordfrankreich besucht hatte, fuhr ich in diesem Jahr – erneut mit dem gewerkschaftlichen Bildungswerk – in die entgegengesetzte Himmelsrichtung, verbunden mit einem anderen, ungleich schwierigeren Zeitabschnitt unserer Geschichte. Das Studienseminar führte uns vom 23. bis 28.08.2015 nach Polen zu „Stätten des Naziterrors in Warschau“ und in Treblinka, die Themen waren „Verfolgung, Widerstand, Neubeginn“ und reichten bis in die Gegenwart. Für mich war es zugleich auch der erste Besuch in unserem östlichen Nachbarland.

Blick von der Aussichtsplattform des Kulurpalastes im 30. Stockwerk auf Warschau

Blick auf Warschau von der Aussichtsplattform im 30. Stockwerk des Kulturpalastes

Warschau im Jahre 2015 ist die boomende Hauptstadt Polens mit den üblichen großstädtischen Glaspalästen im Zentrum. Meine Eindrücke waren wie erwartet sehr kontrastreich und – natürlich – durch eigenes Vorwissen aus Büchern und Filmen geprägt. In Warschau erinnert auf den ersten Blick wenig an die Geschichte des Zweiten Weltkrieges. Die Innenstadt wurde nach den beiden Aufständen, dem Aufstand im jüdischen Ghetto 1943 und dem nationalpolnischen Warschauer Aufstand 1944, von den Nazis weitgehend dem Erdboden gleichgemacht. Im heutigen Stadtbild gibt es wenige Überreste, allerdings rekonstruierte historische Gebäude in der Altstadt, Museen, Denkmäler und Gedenksteine.

Symbolischer Friedhof in der Gedenkstätte Treblinka

Symbolischer Friedhof in der Gedenkstätte Treblinka

Zum Programm gehörte auch eine Fahrt in das ehemalige Vernichtungslager Treblinka, welches von den Nazis, nachdem es seine Aufgabe erfüllt hatte, komplett zerstört wurde. Übrig blieben die Massengräber der weit über 800 000 ermordeten Juden. Seit 1963 erinnert hier eine Gedenkstätte an die Ereignisse, seit 2010 besteht ein Museum mit einer Ausstellung, die den historischen Ort erklärt.

Kooperationspartner des Bildungswerks war Hartmut Ziesing, der nach langjährigen Erfahrungen in der Gedenkstättenarbeit in Polen und Deutschland Studienreisen organisiert. Auch seine polnischen Sprachkenntnisse waren uns während der Führung durch den Leiter der Gedenkstätte in Treblinka und in Gesprächen mit einer Zeitzeugin sehr hilfreich. Er wies uns zu Beginn des Seminars auch auf die Bedeutung des 23. August hin, an dem in Polen an den 1939 geschlossenen Molotow-Ribbentrop-Pakt erinnert wird. Dieser in Deutschland sachlich als deutsch-sowjetischer Nichtangriffspakt oder auch politisch konnotiert als Hitler-Stalin-Pakt bezeichnete Vertrag kennzeichnete in seinem geheimen Zusatzprotokoll die Interessensphären beider Länder in Osteuropa und teilte – auch Polen – unter beiden Mächten auf.

Darstellung im Museum des Warschauer Aufstandes, das die Aufteilung Vorkriegspolens durch Nazi-Deutschland und die Sowjetunion im Jahre 1939 zeigt

Darstellung im Museum des Warschauer Aufstandes, das die Aufteilung Vorkriegspolens durch Nazi-Deutschland und die Sowjetunion im Jahre 1939 zeigt

Diese Teilung Polens während des zweiten Weltkrieges durch Nazi-Deutschland und die Sowjetunion begegnete uns in den besuchten Museen immer wieder. Sie besitzt für die polnische Geschichtsdarstellung der Zeit erkennbar einen hohen Stellenwert und bietet Anschlussfähigkeit zu nationalkonservativen und antikommunistischen Sichtweisen. Letztere begegnete uns auch immer wieder indem die Zeit zwischen 1945 und 1989 mit „im Kommunismus“ bezeichnet wurde.

Auch ein Relikt aus der Zeit des "Kommunismus" in Polen: Der Kulturpalast

Auch ein Relikt aus der Zeit des „Kommunismus“ in Polen: Der Kulturpalast im Zentrum Warschaus im Zuckerbäckerstil

Das jüdische Warschau und der Ghettoaufstand

Soweit ich mich erinnern kann hatte ich zum ersten Mal 1981 im Alter von 16 Jahren durch die Fernsehserie „Ein Stück Himmel“ nach den Erinnerungen von Janina David vom Warschauer Ghetto während der Besetzung Polens durch Nazi-Deutschland im Zweiten Weltkrieg erfahren. Heute handelt es sich bei dem Gebiet des ehemaligen Ghettos um eine normale Wohngegend, die sich nicht groß von Wohngegenden in anderen ehemals sozialistischen Staaten unterscheidet.

Markierung des ehemaligen Verlaufs der Ghetto-Mauer im Straßenpflaster

Markierung des ehemaligen Verlaufs der Ghetto-Mauer im Straßenpflaster

Das Ghetto, zuerst als „Sperrbezirk“ bezeichnet, umfasste das frühere jüdische Warschau. Es wurde durch eine Mauer umschlossen, Juden aus anderen Orten wurden hierhin deportiert und auf engstem Raum zusammengepfercht. Das Warschauer Ghetto wurde im Laufe der Zeit verkleinert und geteilt. Eine Holzbrücke verband den größeren nördlichen und den kleineren südlichen Teil. Heute gibt es einige wenige erhaltene bauliche Reste sowie gestaltete Erinnerungsorte. Zu ihnen gehören zum Beispiel die Markierung des Standortes der Ghetto-Mauer im Pflaster einiger Straßen sowie eine Erläuterung am ehemaligen Standort der Holzbrücke.

Ehemaliger Standort der Holzbrücke, die die beiden Teile des Warschauer Ghettos miteinander verband

Ehemaliger Standort der Holzbrücke, die die beiden Teile des Warschauer Ghettos miteinander verband

Wer nicht schon im Ghetto dem Hunger oder der Epidemien zum Opfer fiel, wurde in den Gaskammern des Vernichtungslagers Treblinka ermordet oder starb beim Ghetto-Aufstand 1943. An ihn erinnert ein großes Denkmal der Helden des Ghettos gegenüber des im Oktober 2014 neu eröffneten Museum der Geschichte der polnischen Juden. Das Denkmal für die Ghetto-Helden wurde unmittelbar nach dem Krieg inmitten des Ruinenfeldes errichtet. Es zeigt auf der Vorderseite die Ghetto-Kämpfer und auf der Rückseite das Leid und Elend im Ghetto. Dies ist auch der berühmte Ort des Kniefalls von Willy Brandt, der in einem eigenen, kleinen Denkmal festgehalten wird.

Denkmal des Aufstands im Warschauer Ghetto

Denkmal des Aufstands im Warschauer Ghetto

Weiter nördlich befindet sich ein Grabstein für die Ghetto-Kämpfer sowie ein Denkmal am ehemaligen „Umschlagplatz“. Schon die Bezeichnung des Platzes weist auf die Unmenschlichkeit der Nazis hin, die von hier aus Menschen in die Vernichtungslager deportierten.

Multimediale Darstellung im Museum der Geschichte der polnischen Juden

Multimediale Darstellung im Museum der Geschichte der polnischen Juden

Das „Polin“, das Museum der Geschichte der polnischen Juden (Polin – Muzeum Historii Zydow Polskich) zeigt in modernster multimedialer Darstellung die tausendjährige Geschichte der polnischen Juden. Ähnlich wie das Jüdische Museum in Berlin konzentriert es sich nicht allein auf die Vernichtung durch die Nazis, sondern zeigt die ganze Breite der tausendjährigen jüdischen Geschichte in Polen. Wer will, kann auch einen ironischen Bezug zum sogenannten „tausendjährigen Reich“ der Nazis herstellen, welches zum Glück nur 12 Jahre andauerte.
Die Geschichte der Juden in Polen wird dabei immer auch im Zusammenhang mit der übrigen polnischen Geschichte dargestellt, die über die Zeit der polnisch-litauischen Union, den drei polnischen Teilungen durch Preußen, Österreich und Russland und dem Wiedererstehen eines polnischen Staates nach dem Ersten Weltkrieg bis in die Gegenwart reicht.

Treblinka

Auch mit Treblinka verbinde ich eine mediale Erinnerung, dieses Mal aus dem Jahre 1985. Der Film „Sie sind frei, Doktor Korczak“, eine israelisch-deutsche Produktion aus dem Jahre 1974 mit Leo Genn in der Hauptrolle, beginnt mit der Suche durch eines der überlebenden Waisenkinder. Nach einer Wanderung entlang eines Schienenstranges erreicht er ein leeres Feld und fragt einen Bauer nach dem „deutschen Konzentrationslager Treblinka“. Der Bauer zeigt ins Gelände, und antwortet, dass es hier gewesen sei. Auch auf die Frage, wo all die Menschen hin sind, zeigt der Bauer wieder ins Gelände.

Erläuterungstafel der Gedenkstätte Treblinka

Erläuterungstafel der Gedenkstätte Treblinka

Die Fahrt nach Treblinka führte uns weit aus Warschau hinaus in eine sehr ländliche Gegend Polens. Unsere Besuchergruppe gehört zu den wenigen deutschen Besuchern dieses Ortes, der stark von israelischen bzw. jüdische Gruppen aus aller Welt besucht wird. Wir kamen in den Genuss einer persönlichen Führung durch den Leiter der Gedenkstätte, Herrn Edwart Kopowka, der uns den Ort zunächst anhand des Lagermodells im Museum und anschließend die Gedenkstätte selbst kenntnisreich und ausführlich erläuterte.

Seit 2010 besteht „Das Museum für Kampf und Märtyrertum in Treblinka“ (Muzeum Walki i Meczenstwa w Treblince) als Filiale des Regionalmuseums in Siedlce und erklärt in einer Ausstellung den Ort. In vier Teilen zeigt die Ausstellung den Kriegsbeginn 1939, die deutsche Besatzung und das Zwangsarbeitslager (Treblinka I), eine Ausstellung jüdischer Grabsteine, die von einem nahegelegenen Friedhof geholt als Straßenuntergrund verwendet worden waren sowie das Vernichtungslager (Treblinka II). Die in der Ausstellung gezeigten Fotos sind die einzigen, die von dem Vernichtungslager existieren.

Lagermodell im Museum der Gedenkstätte Treblinka

Lagermodell im Museum der Gedenkstätte Treblinka

Das Vernichtungslager Treblinka wurde in der Nähe eines gleichnamigen Zwangsarbeitslagers errichtet. Anders als andere Konzentrationslager diente es ausschließlich der Vernichtung. Alle deportierten Juden wurden innerhalb weniger Stunden in den Gaskammern ermordet und anschließend in Massengräbern verscharrt. Das Lager wurde im Frühling 1942 im Rahmen der „Aktion Reinhardt“ errichtet und mit einer kleinen Lagermannschaft aus Deutschen, Österreichern und Ukrainern bemannt. Bis November 1943 wurden hier mehr als 800 000 Menschen aus Polen, Österreich, Belgien, Bulgarien, der Tschechoslowakei, Frankreich, Griechenland, Jugoslawien, Deutschland und der Sowjetunion ermordet. Vor der Auflösung des Lagers wurden die Leichen der Ermordeten wieder ausgegraben und verbrannt. Das Lager wurde komplett zerstört und zur Tarnung ein Bauernhof errichtet.

Gedenkstätte Treblinka mit der symbolischen Eisenbahnrampe

Gedenkstätte Treblinka mit der symbolischen Eisenbahnrampe

Auf dem Gebiet des ehemaligen Lagers wurde 1959 bis 1963 eine Gedenkstätte nach den Entwürfen der drei Kunstprofessoren Adam Haupt, Franciszek Duszenko und Franciszek Strynkiewicz errichtet, die das Lager symbolisieren. Zur Gedenkstätte gehören unter anderem ein symbolisches Lagertor, eine symbolische Eisenbahnrampe und ein symbolischer Ort der Leichenverbrennung. Gedenksteine erinnern an die (teilweise ehemaligen) Länder, aus denen die Ermordeten stammten. Mit „Mazedonien“ ist nach dem Zerfall Jugoslawiens ein weiterer Stein neu hinzugekommen.

17 000 Grabsteine über den Massengräbern symbolisieren die Anzahl der Menschen, die an einem Tag ermordet wurden

17 000 Grabsteine über den Massengräbern symbolisieren die Anzahl der Menschen, die an einem Tag ermordet wurden

Über den damals bekannten Massengräbern wurde ein Denkmal mit 17 000 unterschiedlich großen Grabsteinen geschaffen. Die Zahl erinnert an die Zahl der pro Tag ermordeten. Einige Grabsteine sind beschriftet und erinnern an jüdische Ghettos. Das von den Nazis zur Tarnung errichtet Bauernhaus ist im Wald vorhanden, durch die Gedenkstätte aber nicht erschlossen.

Der einzige personenbezogene Grabstein auf dem Gebiet des symbolischen Friedhofs in Treblinka für Janusz Korczak (Henryk Goldszmit) und die Kinder

Der einzige personenbezogene Grabstein auf dem Gebiet des symbolischen Friedhofs in Treblinka für Janusz Korczak (Henryk Goldszmit) und die Kinder

Sehr berührt hat mich der einzige personenbezogene Grabstein für Janusz Korczak und die Kinder. Der Arzt, Pädagoge und Schriftsteller Janusz Korczak wurde zusammen mit seinen Waisenkindern aus dem Warschauer Ghetto nach Treblinka deportiert und hier Anfang August 1942 ermordet.

Symbolischer Ort der Leichenverbrennung

Symbolischer Ort der Leichenverbrennung

Auf mich wirkte der Ort ruhig und still, mit dem Wissen um seine Geschichte totenstill und unheimlich.

Warschauer Aufstand

Zeigt das „Polin“, das Museum der Geschichte der polnischen Juden die tausendjährige Geschichte der polnischen Juden, so konzentriert sich das Museum des Warschauer Aufstands (Muzeum Powstania Warszawskiego) auf die 63 Tage des Warschauer Aufstands 1944 sowie der Vor- und Nachgeschichte des Ereignisses. Eine Karte (weiter oben im Beitrag abgebildet) weist wieder auf die für Polen so bedeutsame Aufteilung durch Nazi-Deutschland und die Sowjetunion hin. Die Karte zeigt das Polen in den Grenzen von 1939 dreigeteilt: in das von Nazi-Deutschland annektierte Gebiet im Westen, das deutsch beherrschte „Generalgouvernement“ und das von der Sowjetunion annektierte Gebiet im Osten. Auch diese Museumsausstellung ist multimedial gestaltet. Eine große Attraktion ist ein Nachbau einer B-24J neben zahlreichen Fotos, Filmen, Uniformen und anderen Ausstellungsstücken.

Ausstellung der Uniformen im Museum des Warschauer Aufstandes

Ausstellung der Uniformen im Museum des Warschauer Aufstandes

An der Führung durch die Ausstellung in englischer Sprache schloss sich ein Gespräch mit einer Zeitzeugin an. Frau Hana Stadnik, 1929 als Hana Sikorska geboren und mit 15 Jahren als Sanitäterin am Warschauer Aufstand beteiligt, erzählte von ihren Erlebnissen und beantwortete zahlreiche unserer Fragen. So entstand ein Bild der Zeit, dass mit dem Kriegsbeginn 1939 und dem Bombardement Warschaus durch die deutsche Luftwaffe begann. Sie erzählte vom Untergrundstaat, dem illegal organisierten Schulbesuch und der Ausbildung zur Sanitäterin, bis hin zur Niederlegung der Waffen am Ende des aussichtslosen Aufstandes 1944. Nach dem Krieg wurden die am Aufstand Beteiligten diskriminiert, Frau Stadnik musste ihr begonnenes Studium aufgeben, weil sie am Warschauer Aufstand beteiligt gewesen ist. Sie klang dennoch nicht verbittert, sondern berichtete, wie viele Kinder, und Enkel- und Urenkelkinder sie habe, einige leben in Schweden und in den USA. Für die Teilnahme am Aufstand und den Folgen ist sie übrigens nie entschädigt worden.

Denkmal an den Warschauer Aufstand 1944

Denkmal an den Warschauer Aufstand 1944

Der Warschauer Aufstand und die von einigen Teilnehmern als einseitig national-konservativ kritisierte Darstellung im Museum wurde bis in die Abschlussrunde hinein kontrovers diskutiert. An dieser Stelle möchte ich beispielhaft auf die „Gedenkstätte Deutscher Widerstand“ in Berlin hinweisen, die inzwischen die Breite des deutschen Widerstandes gegen die Nazis darstellt, nachdem sie sich jahrzehntelang ausschließlich auf den national-konservativen Widerstand des 20. Juli konzentriert hatte. Lassen wir der polnischen Zivilgesellschaft doch die Zeit, eine ausgewogene Position zu finden.

Das Erbe der Geschichte

In der im Gebäude des Finanzministeriums beheimateten Stiftung für deutsch-polnische Aussöhnung (Fundacja Polsko-Niemieckie Pojednanie) informierte uns der Leiter der Bildungsabteilung, Herr Deka, über die Entstehung der Stiftung in den 1990er Jahren im Rahmen der Entschädigung der Zwangsarbeiter durch deutsche Firmen, die sich vor Sammelklagen Überlebender in den USA und ihren Investitionen dort fürchteten. Zu den vorrangigen Aufgaben der Stiftung gehörte damals die Ermittlung der Daten Betroffener solange sie noch lebten. Er erläuterte den – wie ich finde – interessanten Unterschied zwischen Entschädigung und Leistung und den mit der Annahme der „Leistung“ verbundenen Verzicht auf weitere Forderungen. Man kann daraus zu Recht schließen, dass es den deutschen Firmen mehr um die eigene Rechtssicherheit als um eine Verpflichtung aus der Vergangenheit ging. Aus dem damals ermittelten Datenbestand der ehemaligen Zwangsarbeiter ist heute die über das Internet zugänglichen Datenbank entstanden.

Nach dem Zeitzeugengespräch signierte Ariel Yahalomi noch Exemplare seiner Erinnerungen, die er unter dem Titel "Ich habe überlebt" in polnisch und englisch veröffentlicht hat

Nach dem Zeitzeugengespräch signierte Ariel Yahalomi noch Exemplare seiner Erinnerungen, die er unter dem Titel „Ich habe überlebt“ in polnisch und englisch veröffentlicht hat

Anschließend fand im gleichen Gebäude ein Gespräch mit Herrn Ariel Yahalomi statt, der im polnischen Teil Oberschlesiens unter dem Namen Artur Dimant geboren wurde und zahlreiche Lager der Nazis überlebte. Er wanderte nach dem Krieg nach Israel aus, änderte seinen Namen und führte ein ganz neues Leben, bis ihn die Geschichte wieder einholte. Heute lebt er aus gesundheitlichen Gründen, aber auch weil er als Zeitzeuge gebraucht wird und sich gebraucht fühlt, in den Sommermonaten in Polen und in den Wintermonaten in Israel. Mit seiner Frau Krystyna Keren verbindet ihn die Geschichte, sie wurde im Warschauer Ghetto geboren und überlebte in einer polnischen Familie.

Gedanken zum Schluß

Wer heute als Deutscher nach Polen fährt, muss sich selbstverständlich keine persönliche oder kollektive Schuld anrechnen lassen. Selbst die Denkmäler und Zeitzeugen zeigen sich oft sehr rücksichtsvoll mit unserer Vergangenheit und schreiben oder sprechen von Nazis oder Besatzern und nur sehr selten von Deutschen. Diese Vergangenheit liegt inzwischen mehr als 70 Jahre zurück und wird in Polen erkennbar von der Zeit danach, die man dort „den Kommunismus“ nennt, überlagert. Für mich war es der erste Besuch in Polen und ich hatte im Umfeld des Seminars viele Gelegenheiten, Polen und Warschau heute kennen zu lernen. Ich schließe mit einem Fundstück, den ein unbekannter Besucher auf der Aussichtsetage des Kulturpalastes, auch einem Erbe der „Kommunisten“, hinterlassen hat. Dieser Kulturpalast feiert in diesem Jahr seinen 60. Geburtstag und trägt eigentlich den Namen Kultur- und Wissenschaftspalast (Palac Kultury i Nauki). Das „Geschenk Stalins an Polen“ ist auch heute noch ein Wahrzeichen der Stadt.

Fundstück in der Aussichtsetage im 30. Stockwerk des Kulturpalastes

Fundstück in der Aussichtsetage im 30. Stockwerk des Kulturpalastes

Wir wissen nur wenig über Charlotte Krämer

Knut Maßmann anlässlich der Stolpersteinverlegung am 8. Oktober 2012

Charlotte Krämer wurde am 12. Januar 1933 in Gelsenkirchen geboren. Sie ist ein Kind polnisch-jüdischer Eltern. Ihr Vater, Selig Uscher Krämer und ihre Mutter Perla Krämer, stammen aus Otynia in Südpolen. Dort war ihr großer Bruder Max Krämer am 3. März 1926 geboren worden. Im Jahre 1930 kam die Familie von Rotterdam nach Gelsenkirchen.

Wir können nur vermuten, was die 5jährige Charlotte empfunden hat, als ihr Vater kurz vor seinem 44. Geburtstag verhaftet wurde. Ihr Vater wurde wie rund 17.000 andere Juden polnischer Abstammung zwischen dem 27. und dem 29. Oktober 1938 in einer Nacht-und-Nebel-Aktion verhaftet und nach Polen abgeschoben.

In einigen Orten Deutschlands wurden ganze Familien ohne Rücksicht auf das Alter und den Gesundheitszustand ausgewiesen, in anderen Orten wurden nur die Männer verhaftet. Manche wurden mitten in der Nacht von Gestapo, SA oder SS aus ihren Wohnungen gescheucht und im Nachthemd mitgenommen, anderen wurde es erlaubt, ein wenig Handgepäck und Lebensmittel mitzunehmen. An Bargeld war pro Person maximal 10 Reichsmark erlaubt. Die Verhafteten wurden auf Polizeiposten oder in Gefängnissen, Turnhallen, Synagogen, Kasernen oder anderen Gebäuden untergebracht und erst nach Stunden zum Bahnhof gebracht. In der Mehrzahl handelte es sich bei ihnen um kleine Leute. Händler, Handwerker, Freiberufler, Arbeiter.

Wir können nur ahnen, was die 5jährige Charlotte empfunden hat, als sie und die anderen Familienmitglieder – die 38jährige Mutter Perla Krämer und der 12jährige Max Krämer – aus der vertrauten Wohnung in der Von-der-Recke-Straße 10 – vor der wir hier stehen – in das sogenannte „Judenhaus“ in der damaligen Hindenburgstraße 38, und heutigen Husemannstraße, umziehen mussten.

Wir können auch nicht wissen, wie viel die kleine Charlotte von den genauen Umständen der Abschiebung erfahren oder verstanden hat. Aber sie wird die Ängste und Sorgen und Unsicherheit der Erwachsenen, ihrer Mutter, gespürt haben.

Die Abschiebung über die polnische Grenze erfolgte unter katastrophalen Bedingungen. Die Transporte trafen auf kleine Grenzübergänge, die dem Ansturm nicht gewachsen waren. Einzelne Gruppen wurden unter Zurücklassung ihrer Gepäckstücke und ohne Passformalitäten über die grüne Grenze gejagt. Die größte Anzahl, etwa 9000 Menschen, wurde über den Grenzübergang Bentschen nach Polen abgeschoben, wo die überforderten polnischen Behörden sie zunächst in Eisenbahnwaggons festgehalten und in ehemaligen Kasernen und Ställen untergebracht haben. Zeitzeugen berichteten von unsäglichen Zuständen.

Wir wissen nicht, wie viel die kleine Charlotte zwei Wochen später in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 von der Reichspogromnacht mitbekommen hat, als jüdische Geschäfte und Wohnungen gestürmt und geplündert wurden, als Juden misshandelt, verhaftet und in Konzentrationslager gebracht wurden.

In diplomatischen Verhandlungen mit Polen setzte Nazi-Deutschland seine Position durch. Die Abgeschobenen durften noch einmal an ihren früheren Wohnort zurückkehren, um mit ihren Familien, persönlichen Gegenständen, evtl. der Wohnungs- oder Werkstatteinrichtung nach Polen auszureisen. Die Kosten mussten die Betroffenen selbst tragen.

Wir können nur vermuten, was die inzwischen 6jährige Charlotte empfunden hat, als sie ihren Vater nach fast 6 Monaten am 13. April 1939 wiedersah. Auch Charlottes Vater durfte zurückkehren, um seine bürgerliche Existenz in Deutschland aufzulösen. Die ganze Familie Krämer wurde dann im Mai 1939 in den Einwohnermeldeunterlagen der Stadt Gelsenkirchen mit dem Vermerk „nach Polen abgemeldet“ ausgetragen.

Keine 4 Monate später – am 1. September 1939 – entfesselte Nazi-Deutschland den Zweiten Weltkrieg und die Wehrmacht überrollte Polen. Die Spuren der in Polen gebliebenen Juden verlieren sich zumeist in einem der unzähligen von den Deutschen eingerichteten Ghettos. Doch die Schicksale anderer Abgeschobener bleiben bis heute ungewiss.

Dies betrifft auch die Familie Krämer. Die Spur der sechsjährigen Charlotte und ihrer Familie verliert sich im Mai des Jahres 1939.

Das ist alles, was wir wissen!