Archiv der Kategorie: Bücher

„Verbrechen der Wirtschaft“ im „Roten Freitag“

Buchveröffentlichung des RuhrEcho-Verlags, Bochum.

Kenntnisreich und anschaulich stellte Günter Gleising (VVN-BdA Bochum) heute im „Roten Freitag“ der Gelsenkirchener Linkspartei seine Buchveröffentlichung vor. Buch und Vortrag zeigen die Interessen der Schwerindustriellen und Ruhrbarone an der Errichtung der Nazi-Diktatur, der Ausschaltung der Demokratie und der Rüstungspolitik. Im Anschluss führten die Besucher noch eine lebhafte Diskussion über die Inhalte des Vortrags und ihre Übertragbarkeit auf die Gegenwart.

Ausgehend von der Fragestellung, wie es der NSDAP gelingen konnte, innerhalb weniger Jahre von einer Splittergruppe zur einflussreichsten Kraft Deutschlands zu werden, zeigte Günter Gleising die Unterstützung, die Hitler und seine Partei durch führende Industrielle genoss. Begünstigt wurde die Machtstellung der Wirtschaft durch eine beispiellose Konzentration der Schwerindustrie im Ruhrgebiet, die Krupp, Thyssen, Flick und anderen einen außerordentlichen Einfluss gab. Günter Gleising berichtete, dass er seit über 20 Jahre an diesem Thema arbeitet und unter anderem auf Quellen zurückgreift, die kurz nach 1945 von den Alliierten zusammengestellt wurden. Beispiele aus Gelsenkirchen rundeten den Vortrag ab.

In der sich an den Vortrag anschließenden Diskussion ging es um viele Einzelfragen, aber auch um die Bedeutung für die Gegenwart verbunden mit der Frage nach Unterschieden und Gemeinsamkeiten zwischen der Entwicklung der NSDAP und der Entwicklung der AfD. Natürlich war die Zeit wie immer zu knapp für eine ausführliche Diskussion, eine Fortsetzung würde sich sicher lohnen.

Der „Rote Freitag“ ist eine Veranstaltungsreihe im Werner-Goldschmidt-Salon, dem nach dem Gelsenkirchener Antifaschisten benannte Veranstaltungsort der Die Linke. „Verbrechen der Wirtschaft“ war eine Kooperationsveranstaltung der Die Linke mit der Gelsenkirchener VVN-BdA.

Werner-Goldschmidt-Salon – Parteibüro von Die Linke und Veranstaltungsort, benannt nach dem Gelsenkirchener und jüdischen Widerstandskämpfer Werner Goldschmidt.

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„Polens Rolle rückwärts“ – Vorbild für die AfD?

Wer sich in der Bundesrepublik mit der Entwicklung der sogenannten „Alternative für Deutschland“ von einer europaskeptischen, wirtschaftsliberalen und nationalkonservativen Partei hin zu einer für rechtextreme und faschistische Positionen offenen Partei beschäftigt, schaut auch oft auf die anderen Länder der Europäischen Union mit ähnlichen aber durchaus unterschiedlichen rechtspopulistischen, rechtsextremen oder faschistischen Parteien. Krzysztof Pilawski, polnischer Publizist und Holger Politt, Mitarbeiter der Rosa-Luxemburg-Stiftung, sezieren in ihrem Buch „Polens Rolle rückwärts“ die Situation in unserem östlichen Nachbarland.

In der Betrachtung der Ursachen für den Erfolg der national-konservativen Partei „Recht und Gerechtigkeit“ (PiS) bei den Präsidentschafts- und Parlamentswahlen 2015 zeigen sich interessante Ähnlichkeiten zur bundesdeutschen Situation wie auch deutliche Unterschiede. Zu den interessanten Ähnlichkeiten gehört eine sozialdemokratische Partei, die sich mit einer neoliberalen Politik von ihren Wählern entfremdet hat und bei den Wahlen abstürzte. Zu den Unterschieden gehört die Stellung der katholischen Kirche, die in Polen einen übergroßen Einfluss besitzt.

Pilawski schildert im Teil „Anatomie des politischen Erfolgs“ die politischen Auseinandersetzungen und skizziert die jüngere Entwicklung Polens, die Transformation der alten Volksrepublik Polen in das heutige EU-Mitglied und die Auswirkungen einer neoliberalen Politik, die alle sozialen Sicherheiten vernichtet und eine gespaltene Gesellschaft produziert hat. Im Ergebnis führte diese Politik und die Vernachlässigung der sozialen Frage durch die Linken zum Erfolg der PiS, die durch Antikommunismus, eine nationalististische Geschichtspolitik und der Demontage demokratischer Grundrechte und Institutionen ihren Erfolg zu verstetigen sucht. Im Zentrum der Geschichtspolitik der PiS steht die Glorifizierung aller polnischen Unabhängigkeitsbestrebungen in Geschichte und Gegenwart.

Dieses Buch sei allen empfohlen, die sich für die politische Entwicklung Polens oder auch Deutschlands interessieren, bietet es doch auch im Hinblick auf letzteres einen fremden Blick auf eine leider erfolgreiche sozial- und geschichtspolitische Strategie einer rechten Partei.

Wirtschaftsführer und Kriegsgewinnler

Buchveröffentlichung des RuhrEcho-Verlags, Bochum.

„Verbrechen der Wirtschaft“ von Günter Gleising zeigt Anteil und Interesse der Ruhrbarone und von führenden Industriellen Deutschlands an der Errichtung der Nazi-Herrschaft, an der Aufrüstungs- und Kriegspolitik und der Ausplünderung der eroberten Gebiete. Das Kriegsende 1945 bedeutete für ihre Geschäfte nur eine kurze Unterbrechung, die bald wieder florierten.

Günter Gleising, Mitglied der VVN-BdA Bochum, stellt deutlich die Interessen der wirtschaftlichen Elite der Weimarer Republik dar, die gegen Republik, Betriebsräte und Gewerkschaften und für die Wiederaufrüstung nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg standen. Ausgehend von der Fragestellung, wie es der NSDAP gelingen konnte, innerhalb weniger Jahre von einer Splittergruppe zur einflussreichsten Kraft Deutschlands zu werden und wie es Nazi-Deutschland innerhalb von sechs Jahren gelingen konnte, halb Europa mit Krieg zu überziehen, zeigt er die Unterstützung, die Hitler und seine Partei durch führende Industrielle genoss.

Begünstigt wurde die Machtstellung der Wirtschaft durch eine beispiellose Konzentration der Schwerindustrie im Ruhrgebiet, die Krupp, Thyssen, Flick und anderen einen außerordentlichen Einfluss gab, während gleichzeitig die katastrophalen Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise auf die kleinen Leute abgewälzt wurde. Das Interesse der Wirtschaftsführer an der Beseitigung aller demokratischen und humanistischen Hemmnisse, die ihrem Gewinnstreben entgegenstanden, traf sich mit Hitlers politischem Programm und Politik.

Gleising belegt anhand zahlreicher Dokumente, wie Hitler und die NSDAP ab 1925 ihre Macht ausbauen und dabei durch führende Industrielle unterstützt wurden, bis ihm am 30. Januar 1933 vom Reichspräsidenten Hindenburg die Kanzlerschaft angetragen wurde. Mit der Machtübertragung an die Nazis begann für die Konzerne wieder das große Geschäft: Rüstungsaufträge, Arisierungen, Ausplünderung eroberter Gebiete und Sklavenarbeit bildeten das Geschäftsmodell, dass Gleising anhand zahlreicher Beispiele aus Bochum und den Nachbarstädten zeigt.

Bei allem Lob für die Veröffentlichung darf eine Kritik an der faktenreichen Darstellung nicht fehlen: gelegentlich hat man als geneigter Leser den Eindruck, von der Vielzahl der Fakten schier erschlagen zu werden ohne die Gelegenheit zu bekommen, beim Lesen innezuhalten. Trotzdem gibt es eine klare Empfehlung für dieses Buch, das sich nahtlos in die Spurensuche und Kennzeichnung der Tatorte der „Verbrechen der Wirtschaft an Rhein und Ruhr 1933-1945“ der VVN-BdA NRW einfügt und weit darüber hinausweist.

Lesenswert ist „Verbrechen der Wirtschaft“ auch nicht nur als historische Darstellung. In seinem Vorwort erinnert Ulrich Sander, Bundessprecher der VVN-BdA daran, dass die Ministerin Andrea Nahles 2016 aus dem Armutsbericht der Bundesregierung einen Satz streichen ließ, der den Einfluss der Reichen auf die Politik zeigt. Trotzdem – eine Binsenweisheit – besteht dieser Einfluss 1933 wie heute. Günter Gleisings „Verbrechen der Wirtschaft“ zeigt am historischen Beispiel, was zuviel Macht auf der Kapitalseite anrichtet. So ist aus dieser Geschichte zu lernen, dass und warum sie sich nicht wiederholen darf.

Gleising, Günter: Verbrechen der Wirtschaft. Der Anteil der Wirtschaft an der Errichtung der Nazidiktatur, der Aufrüstungs- und Kriegspolitik im Ruhrgebiet 1925-1945, RuhrEcho Verlag, Bochum, 2017, 267 Seiten, 18 Euro

„Auschwitz als Steinbruch“ als Steinbruch

auschwitz-als-steinbruch-von-thomas-willmsFür jemanden, der sich bislang mehr mit der pädagogischen Arbeit in Gedenkstätten an die Nazi-Verbrechen beschäftigt hat, bringt Thomas Willms in seiner Veröffentlichung „Auschwitz als Steinbruch“ eine interessante Sichtweise ein. In der Einleitung „Geschichtsbilder auf dem Markt“ weist er darauf hin, dass „das Geschichtsbild nicht vom Staat bestimmt, sondern auf dem Markt erhandelt“ wird. Die Waren und Dienstleistungen, die auf diesem „Nazi- und Weltkriegsmarkt“ umgesetzt werden, seien allerdings nicht ideologiefrei, sondern aufgeladen mit Versatzstücken, Anschauungen, Interpretationen und Anspielungen.

Das 135 Seiten starke Bändchen versammelt „ohne Anspruch auf Vollständigkeit“ Texte zu verschiedenen Aspekten einer Entwicklung, in der „nachempfundene, nachgespielte, erfundene, interpretierte und entkontextualisierte Texte, Bücher, Bilder und Filmclips in Konkurrenz zu wissenschaftlichen, pädagogischen und politischen Darstellungen treten.“ Dies tut der Autor, nach einer Überblicksdarstellung zur Erinnerungskultur, mit länderspezifischen Schwerpunkten. Es folgen Kapitel, die ein breites Themenfeld mit vielen interessanten Einzelaspekten aus Italien, Deutschland, Frankreich, Polen, Großbritannien und den USA umfassen. Sie reichen von der Entstehung der faschistischen Bewegung im Ersten Weltkrieg in Italien bis zur US-amerikanischen „Terminator“-Filmreihe.

Doch so lesenswert jeder einzelne der Beiträge (auch unabhängig von den anderen Beiträgen) ist, lässt Thomas Willms den geneigten Leser am Ende ratlos mit einem Steinbruch an Artikeln zurück. Obwohl er einleitend schreibt, dass die Texte des Bandes den Leserinnen und Lesern pessimistisch vorkommen könnten, aber nicht so gemeint seien, bleibt genau dieser Eindruck am Ende übrig. Nachdem ich das Buch von vorne bis hinten gelesen habe, fehlt mir am Ende des Bandes ein Kapitel, das zusammenfasst und ermutigend in die Zukunft weist. Bestimmt lässt sich dieses Manko in einer 2. Auflage mit Beispielen aus kulturellen und medialen Aktivitäten der VVN-BdA beheben.

Willms, Thomas: Auschwitz als Steinbruch. Was von den NS-Verbrechen bleibt, Köln : PapyRossa Verlag 2016 (Neue Kleine Bibliothek 236)

Vom Klassenkompromiss zum Krieg

VSA-Verlag, Hamburg. 252 S., EURO 19,80

VSA-Verlag, Hamburg. 252 S., EURO 19,80

Eine Fülle von Büchern über Hintergründe und Ursachen zum Ersten Weltkrieg, der vor hundert Jahren begann, sind im letzten und vor allem in diesem Jahr erschienen. Das bekannteste darunter, Christopher Clarks „Die Schlafwandler“, wärmt die alte These wieder auf, nach der die europäischen Großmächte in den Krieg hineingestolpert, „geschlafwandelt“ seien und eigentlich niemand den Krieg wirklich gewollt habe. Allen gemeinsam ist der Blick auf die Außenpolitik der europäischen Staaten, auf die gegensätzlichen Interessen in der Kolonialpolitik und auf die sich gegenüberstehenden Bündnispartner Deutschland, Österreich-Ungarn und Italien einerseits und Frankreich, Russland und Großbritannien andererseits. Im früheren „Verlag zum Studium der Arbeiterbewegung“, der jetzt nur noch unter VSA-Verlag firmiert, ist ein Buch des Publizisten Heiner Karuscheit erschienen, der sich dem Thema anders nähert, als die Mehrzahl der Neuerscheinungen.

Heiner Karuscheits „Deutschland 1914“ beleuchtet die inneren Verhältnisse Deutschlands von der Zeit der Nationalstaatsbildung bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges. Er setzt mit der gescheiterten bürgerlichen Revolution 1848 an und stellt die Politik Bismarcks ab den 1860er Jahren dar, die mit der Führung der drei für Preußen siegreichen „Einigungskriegen“ zur Bildung des kleindeutschen Nationalstaats 1870/71 unter Ausschluss Österreichs führte. Zentral für die Bismarcksche Politik war die Verbindung der nationalstaatlichen Einigung Deutschlands mit der Sicherung der Machtposition Preußens in Deutschland und darin die Machtposition des preußischen Militäradels, der seine Basis im ostelbischen Junkertum hatte. Dies geschah durch einen ungeschriebenen „Gesellschaftsvertrag“ zwischen Militäradel/Junker und (National-)liberalen. Die Konstruktion des Deutschen Kaiserreiches bot den demokratischen und liberalen Kräften einen nach allgemeinem Wahlrecht zustande gekommenen Deutschen Reichstag, während der preußische Landtag nach dem Dreiklassenwahlrecht gewählt wurde und der preußische Militäradel seine Machtposition durch die zweite Kammer, dem „Herrenhaus“, ausübte. Da das Land Preußen etwa 2/3 des Staatsgebietes des Deutschen Kaiserreiches umfasste, lässt sich durchaus auch von Preußen-Deutschland sprechen.

Karuscheit stellt die weitere gesellschaftspolitische Entwicklung dar, die unter anderem durch das liberale Interesse an der Kolonial- und „Weltpolitik“ sowie dem Aufstieg der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften gekennzeichnet war. Gelang es Bismarck noch, den „Gesellschaftsvertrag“ in seinem Sinne zu erhalten und sich durch Neuwahlen Mehrheiten im Reichstag zu sichern, konnten seine Nachfolger die Koalition von Konservativen und (National-)liberalen aus verschiedenen Gründen nicht mehr zusammenhalten. Zwar näherten sich Liberale, Zentrum und Sozialdemokraten einander an, dennoch waren sie in den Jahren vor dem Krieg nicht bereit, über Einzelfragen hinaus zusammenzuarbeiten und das Kaiserreich in eine bürgerliche Demokratie zu verwandeln. Für die bedrohte Machtbasis des preußischen Militäradels bot sich als Ausweg entweder ein Staatsstreich an, für den weder der Kaiser noch der Reichskanzler zu gewinnen war, oder ein Krieg, der ihre Machtbasis erneut wie zur Zeit der „Einigungskriege“ festigen sollte. Hierzu passten sowohl der „blinde Imperialismus des bürgerlichen Lagers“ wie die orientierungslose Position der SPD. Für den Autor handelt es sich beim Ersten Weltkrieg um einen „Krieg zur Aufrechterhaltung der alten Ordnung“. Die Zustimmung der SPD zu ihm war nach seiner Ansicht kein Verrat, sondern die Folge einer fehlerhaften Gesellschaftsanalyse und Revolutionsstrategie.

„Deutschland 1914“ ist eine interessante, gut lesbare und kurzweilige Darstellung der Zusammenhänge und Hintergründe von Deutschlands Weg in den Ersten Weltkrieg. Vorkenntnisse in der deutschen Geschichte zwischen 1848 und 1914 sind beim Lesen allerdings hilfreich.

Weitere Besprechungen finden sich unter anderem im Deutschlandradio und in der jungen Welt. Über den mir unbekannten Autor ließ sich im Internet recherchieren: geboren 1944, lebt heute in Gelsenkirchen. Von 1969 bis 1970 war er im SDS (ursprünglich der SPD-nahe Sozialistische Deutschen Studentenbund) und von 1970 bis 1975 im KSV (Studentenverband der KPD-Aufbauorganisation) aktiv. Seit 1976 veröffentlicht er Aufsätze über linke Politik der K-Gruppen, im „Verlag Theoretischer Kampf“ (VTK) und in den „Aufsätzen zur Diskussion“ (AzD), die zuerst 1979 „in Frankfurt und Gelsenkirchen“ herausgegeben wurden.

Der Rosa-Luxemburg-Club Gelsenkirchen plant in diesem Jahr eine Veranstaltung mit ihm zum Thema des Buches.

„Soziale Konflikte werden ethnisiert“

Eine frühere Veröffentlichung aus dem Jahre 2002 – eine empirische Studie über NS-Vergangenheit, Holocaust und die Schwierigkeiten des Erinnerns.

Klaus Ahlheim beschäftigt sich in seinem neuesten Buch mit Thilo Sarrazins Schrift „Deutschland schafft sich ab“ und den dahinter liegenden fremdenfeindlichen Vorurteilen, tief sitzenden Ressentiments und einer bei allen anderen Sarrazin-Kritikern übersehenen neuen Lust, auf Deutschland stolz zu sein. Die Aussage, „Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein“, jahrzehntelang in Deutschland ein Item zur Messung von Rechtsextremismus, ist inzwischen in der Mitte der Gesellschaft angekommen. „Sarrazin und der Extremismus der Mitte“ titelt Ahlheim folgerichtig seine neue Veröffentlichung.

An Beispielen zeigt Ahlheim die deutschnationale Sichtweise des „Sozialdemokraten“ Sarrazin auf, dessen biologistische Gesellschaftsauffassung an nationalsozialistische Wissenschaftler erinnere. Anhand bereits früher veröffentlichter und aktualisierter empirischer Analysen erläutert Ahlheim wieder einmal, dass rechtsextreme Einstellungen keineswegs ein Problem arbeitsloser, junger ostdeutscher Männer, sondern in allen Bevölkerungsschichten, bei Wählern der CDU wie der Die Linke, anzutreffen sind.

Glücklicherweise – wie ich finde – geht Ahlheim nur im ersten Beitrag der Aufsatzsammlung auf Sarrazins Buchveröffentlichung ein. Dem Gehalt – nicht der Wirkung – der Sarrazin-Schrift wird dadurch genüge getan. In den weiteren Beiträgen lässt Ahlheim Sarrazin und seine ebenso kruden wie gefährlichen Thesen rechts liegen und widmet sich weiteren empirischen Analysen über rechtsextreme Einstellungen in Deutschland wie in Europa und der Frage, wie politische Bildung auf rechtsextreme Einstellungen reagieren kann.

Interessant sind in diesem Zusammenhang die Verschiebungen im „Charakter“ fremdenfeindlicher Einstellungen in den letzten Jahren, die Ahlheim beobachtet. So nahm in den Befragungen die Zustimmung zu Abwehrwünschen von Asylbewerbern und Flüchtlingen ab, während die Zustimmung zu einer stärkeren Integration der Eingewanderten zunahm. Dies lässt sich aus der schlichten Tatsache erklären, dass kaum noch Flüchtlinge die abgeschottete „Festung Europa“ erreichen. Andererseits tritt dadurch die Integrationsleistung der bereits Eingewanderten stärker in das Blickfeld, deren größter Unterschied häufig in der anderen Religion besteht. Es verwundert daher nicht, dass Rechtsextreme Stimmung mit Islamophobie und gegen Moscheebauten machen.

Die Ursachen fremdenfeindlicher Vorstellungen liegen jedoch nicht in einer drohenden Überfremdung, sondern, so Ahlheim weiter, in einer unübersichtlich gewordenen, globalisierten Welt, die Abstiegsängste befördere, permanente Flexibilität fordere und Unsicherheiten zumute; in der Erfahrung politischer, sozialer und ökonomischer Ohnmacht. Das Vorurteil böte der eigenen Psyche Erleichterung, in dem man die „Schuld“ einem Sündenbock zuschieben könne. So führt Ahlheim aus: „Die Ethnisierung politisch-sozialer Konflikte ist … willkommen … und von den Gewinnern des ökonomischen Umwälzungsprozesses (gewollt, um) von den eigentlichen Ursachen der politischen Misere, der öffentlichen Armut, des Sozialabbaus, um von ökologischen und militärischen Risiken aktueller Politik abzulenken…“ (S. 29f.)

Politische Bildung gegen Rechts kann daher kaum als „Feuerwehr“ in sozialpädagogischer, „akzeptierender Jugendarbeit mit rechten Jugendlichen“ erfolgreich sein. Politische Bildung muss sich der unübersichtlich gewordenen Welt stellen, sie durchschaubar, begreifbar und gestaltbar machen. Hierbei können, so ist Ahlheim überzeugt, selbst Denkperspektiven subjektiv befreiend sein.

Ahlheim, Klaus: Sarrazin und der Extremismus der Mitte. Empirische Analysen und pädagogische Reflexionen, Hannover : Offizin-Verl., 2011