Archiv der Kategorie: Reichspogromnacht

„Wir gehen nicht zum Nazi-Schwert!“ – Bündnis gegen Krieg und Faschismus wählt am 9. November eigene Route

Inschrift am sogenannten "Kriegerdenkmal Schalker Verein"

Inschrift am sogenannten „Kriegerdenkmal Schalker Verein“

Wie schon durch die in der WAZ veröffentlichte Pressemitteilung bekannt gemacht, wählt das „Bündnis gegen Krieg und Faschismus“ für den Gedenktag an die Verbrechen der sogenannten „Reichskristallnacht“ eine andere Route als die „Demokratische Initiative“ (DI). Der Hintergrund dürfte durch den Offenen Brief der VVN-BdA und die Berichterstattung der WAZ zur Genüge bekannt sein. Ein Denkmal für die gefallenen Soldaten eines Krieges kann einfach kein geeignetes Denkmal für jüdische Opfer der Nazis sein. Denkmal und Gedenkveranstaltung zum 9. November passen thematisch nicht zueinander.

Das Bündnis trifft sich wie die DI an der Hammerschmidtstraße, wird jedoch auf keinen Fall das Nazi-Schwert besuchen, sondern stattdessen das Wohnhaus in der Wanner Straße 119 und dort beispielhaft an die Familie Schönenberg erinnern. Dort betrieben Selma und ihre Tochter Erna Schönenberg ein von den Eltern übernommenes Geschäft für Manufakturwaren und Herrenbekleidung, bis es in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 – wie auch ihre Wohnung – von den Nazis zerstört wurde. Selma starb 1942 bereits auf dem Transport nach Auschwitz, Erna wurde 1943 in Auschwitz ermordet. Nur Sohn Günter gelang im August 1938 die Flucht nach Holland und 1943 nach Frankreich. Er überlebte den Völkermord und wanderte 1947 in die USA aus.

Alter Jüdischer Friedhof Bulmke an der Ecke Wanner Straße/Oskarstraße. Hier plant die "Demokratische Initiative" ihre Abschlusskundgebung am 9. November 2015.

Alter Jüdischer Friedhof Bulmke an der Ecke Wanner Straße/Oskarstraße. Hier plant die „Demokratische Initiative“ ihre Abschlusskundgebung am 9. November 2015.

Zur Abschlusskundgebung um 19 Uhr am Alten Jüdischen Friedhof in Bulmke schließt sich das Bündnis der Kundgebung der DI wieder an. Trotz aller Kritik an der diesjährigen Gedenkveranstaltung hält das Bündnis eine gemeinsame Veranstaltung für die Stadtgesellschaft für so wichtig, dass es die Abschlusskundgebung mit der Rede des Oberbürgermeisters Frank Baranowski nicht boykottieren will.

Mit einem eigenen Flugblatt wird das Bündnis die Forderung der VVN-BdA unterstützen, „… aus dem Nazi-Schwert durch eine wirklich radikale Verfremdung ein antifaschistisches Gesamtkunstwerk“ zu gestalten, indem Gelsenkirchener Künstler „… das wertlose Schandmal durch künstlerische Installationen phantasievoll und kreativ…“ einrahmen und kommentieren.

Bündnis gegen Krieg und Faschismus

Das „Bündnis gegen Krieg und Faschismus“ hat sich aus dem Antikriegstagsbündnis gegründet, welches seit 2011 regelmäßig eine öffentliche Kundgebung zum Antikriegstag durchführt. Anlass für die Umbenennung war der geplante Aufmarsch der faschistischen Partei „Die Rechte“, die am 1. Mai 2015 von Essen-Kray nach Gelsenkirchen-Rotthausen marschieren wollte. Das Bündnis rief zu einer Gegenkundgebung an der Stadtgrenze auf, in dessen Verlauf gemeinsam mit weiteren demokratischen Kräften der Aufmarsch der aus Dortmund stammenden Faschisten erfolgreich blockiert werden konnte.

Werner-Goldschmidt-Salon – Parteibüro von Die Linke und Veranstaltungsort, benannt nach dem Gelsenkirchener und jüdischen Widerstandskämpfer Werner Goldschmidt

Werner-Goldschmidt-Salon – Parteibüro von Die Linke und Veranstaltungsort, benannt nach dem Gelsenkirchener und jüdischen Widerstandskämpfer Werner Goldschmidt. Hier trifft sich auch das „Bündnis gegen Krieg und Faschismus“.

Beim „Bündnis gegen Krieg und Faschismus“ handelt es sich um ein lockeres Personenbündnis, dass sich von Fall zu Fall engagiert, zuletzt am 31.10.2015 gegen ProNRW. Die einzelnen Personen kommen aus verschiedenen Parteien und Organisationen; zur Zeit sind das Die Linke, die DKP, die MLPD sowie die Piratenpartei, das kommunale Wahlbündnis AUF Gelsenkirchen, die VVN-BdA und der Verein Gelsenzentrum. Auch ein Mitglied der SPD nimmt regelmäßig an den Treffen teil.

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Nazi-Schwert am neuen Standort – „Demokratische Initiative“ hält an Kundgebungsort zum 9. November fest

Das Nazi-Schwert vom Schalker Verein aus dem Jahre 1937 am neuen Standort im Jahre 2015

Das Nazi-Schwert vom Schalker Verein aus dem Jahre 1937 am neuen Standort im Jahre 2015

Das Nazi-Schwert vom Schalker Verein aus dem Jahre 1937, offiziell als „Kriegerdenkmal Schalker Verein“ bezeichnet, ist an seinem neuen Standort aufgebaut. Und die aktuelle Pressemitteilung lässt keine Zweifel daran, dass die „Demokratische Initiative gegen Diskriminierung und Gewalt, für Menschenrechte und Demokratie – Gelsenkirchen“ tatsächlich an ihrer Absicht festhält, an diesem Schandmal eine Zwischenkundgebung während der Gedenkveranstaltung an den frühen Höhepunkt der Judenverfolgung 1938, der sogenannten „Reichskristallnacht“ abzuhalten. Peinlicher geht es kaum noch.

Die Gelsenkirchener Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) bleibt bei ihrer Position: ein Denkmal für die Toten eines Krieges kann kein geeigneter Ort für eine Gedenkveranstaltung zur Reichspogromnacht sein. Außerdem strahlt das in nationalsozialistischer und kriegsverherrlichender Ästhetik errichtete Denkmal noch immer eine militaristische Botschaft aus, gegen die die geplante künstlerische Ergänzung nur verblassen wird.

Die VVN-BdA fordert Frank Baranowski als Oberbürgermeister und Schirmherrn der DI in ihrem Offenen Brief dazu auf, “sich dafür einzusetzen, dass aus dem Nazi-Schwert durch eine wirklich radikale Verfremdung ein antifaschistisches Gesamtkunstwerk wird. Hierzu bedarf es einer Aufforderung an die Künstler und Bürger der Stadt, um das wertlose Schandmal durch ganz unterschiedliche Installationen phantasievoll und kreativ einzurahmen und zu kommentieren. Dies mindert nicht den Denkmalwert, schafft aber eine klare Aussage aus der Gegenwart zum Objekt der Nazi-Barbarei.”

Alter Jüdischer Friedhof Bulmke an der Ecke Wanner Straße/Oskarstraße. Hier plant die "Demokratische Initiative" ihre Abschlusskundgebung am 9. November 2015.

Alter Jüdischer Friedhof Bulmke an der Ecke Wanner Straße/Oskarstraße. Hier plant die „Demokratische Initiative“ ihre Abschlusskundgebung am 9. November 2015.

OB antwortet nicht

Bisher gibt es auf den Offenen Brief der Gelsenkirchener Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) an den Oberbürgermeister der Stadt Gelsenkirchen und Schirmherrn der Demokratischen Initiative (DI), Frank Baranowski (SPD), noch keine Antwort.

Fotomontage zur geplanten Kundgebung der "Demokratischen Initiative" zum Gedenken an die Pogrome in der sogenannten "Reichspogromnacht". In der Bildmitte der Alte Jüdische Friedhof Bulmke umrahmt von den Inschriften des Nazi-Schwerts vom Schalker Verein.

Fotomontage zur geplanten Kundgebung der „Demokratischen Initiative“ zum Gedenken an die Pogrome in der sogenannten „Reichspogromnacht“. In der Bildmitte der Alte Jüdische Friedhof Bulmke umrahmt von den Inschriften des Nazi-Schwerts vom Schalker Verein.

Wie hier nachzulesen ist, fordert die VVN-BdA den Oberbürgermeister und Schirmherrn der DI auf, die geplante Kundgebung zum Gedenken an die Pogrome in der sogenannten „Reichskristallnacht“ nicht am Kriegerdenkmal Schalker Verein durchzuführen. Ein Denkmal für die Toten eines Krieges kann kein geeigneter Ort für diese Gedenkveranstaltung sein. Außerdem strahlt das in nationalsozialistischer und kriegsverherrlichender Ästhetik errichtete Denkmal noch immer eine militaristische Botschaft aus, gegen die die geplante künstlerische Ergänzung nur verblassen wird.

In ihrem Flugblatt ruft die „Demokratische Initiative gegen Diskriminierung und Gewalt, für Menschenrechte und Demokratie – Gelsenkirchen“ zu einem Schweigezug auf, der um 18.30 Uhr auf dem Schulhof des Carl-Friedrich-Gauß-Gymnasiums in der Hammerschmidtstraße beginnen soll, und vorbei am Alten Jüdischen Friedhof an der Ecke Wanner Straße/Oskarstraße zum „umgewidmeten Kriegerdenkmal“ auf dem Gelände des früheren Schalker Vereins führen soll.

Wie in einem Beitrag in den Gelsenkirchener Geschichten zu lesen ist, wurde diese Planung geändert. Der Schweigezug soll nun zuerst zum „umgewidmeten Kriegerdenkmal“ gehen, dort soll Prof. Dr. Reininghaus die „historische und erinnerungskulturelle Würdigung“ des Denkmals darstellen. Daran anschließend soll es zum gegenüberliegenden Alten Jüdischen Friedhof gehen, wo der Oberbürgermeister und Schirmherr der DI sprechen wird.

Sie können es einfach nicht lassen! Es ist schon faszinierend zu sehen, wie sehr die „Demokratische Initiative gegen Diskriminierung und Gewalt, für Menschenrechte und Demokratie – Gelsenkirchen“ an diesem ollen Nazi-Schwert hängt, mit dem die Nazis die Beschäftigten des Schalker Vereins mit der Erinnerung auf den Ersten zugleich auf den Zweiten Weltkrieg einstimmten.

Die VVN-BdA fordert dagegen Frank Baranowski als Oberbürgermeister und Schirmherrn der DI in ihrem Offenen Brief dazu auf, „sich dafür einzusetzen, dass aus dem Nazi-Schwert durch eine wirklich radikale Verfremdung ein antifaschistisches Gesamtkunstwerk wird. Hierzu bedarf es einer Aufforderung an die Künstler und Bürger der Stadt, um das wertlose Schandmal durch ganz unterschiedliche Installationen phantasievoll und kreativ einzurahmen und zu kommentieren. Dies mindert nicht den Denkmalwert, schafft aber eine klare Aussage aus der Gegenwart zum Objekt der Nazi-Barbarei.“ Vielleicht gibt es ja noch eine Antwort darauf.

Supplement

Am 3. November 2015 erreichte mich ein Schreiben – nicht durch den Oberbürgermeister und Schirmherrn der DI Frank Baranowski – , sondern verfasst vom Leiter des Instituts für Stadtgeschichte (ISG), Prof. Dr. Stefan Goch, dass erneut die offizielle Sichtweise darstellte. Eine ganzseitige Berichterstattung zum Thema folgte am 4. November im Lokalteil der WAZ, in der auch auf die Position der Gelsenkirchener VVN-BdA eingegangen wurde.

Offener Brief

VVN-BdA Gelsenkirchen

An den
Oberbürgermeister der Stadt Gelsenkirchen
und Schirmherrn der „Demokratischen Initiative“
Herrn Frank Baranowski
45875 Gelsenkirchen

22.10.2015

Offener Brief zur geplanten Kundgebung der „Demokratischen Initiative“ am
9. November 2015 am sogenannten „Kriegerdenkmal Schalker Verein“

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Baranowski,

die Kreisvereinigung Gelsenkirchen der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) möchte mit diesem Schreiben ihr Unverständnis über die geplante Kundgebung der „Demokratischen Initiative“ (DI) am 9. November 2015 am sogenannten „Kriegerdenkmal Schalker Verein“ ausdrücken und Sie zugleich als Schirmherr der DI auffordern, den geplanten Kundgebungsort zu verlegen.

Am 9. November 2015 wird an den 9. November 1938 erinnert. Es handelt sich bei diesem Tag um einen frühen Höhepunkt der Judenverfolgung in Nazi-Deutschland, in dessen Verlauf nicht nur Synagogen zerstört und jüdische Geschäfte geplündert wurden, sondern jüdische Deutsche verhaftet und in Konzentrationslager gesperrt, ermordet, vergewaltigt, gedemütigt oder in den Tod getrieben wurden. Seit ihrer Machtübertragung 1933 war es Politik der Nazis, von ihnen als jüdisch definierte Menschen aus der sogenannten „Volksgemeinschaft“ auszuschließen. Diese Politik mündete in der Ermordung von 6 Millionen Juden in Europa, Männer, Frauen und Kinder.

Ein Gedenktag, der an diese Ereignisse erinnert, sollte unseres Erachtens würdevoll begangen werden. Dies ist jedoch am geplanten Ort nicht möglich.

Ein Denkmal für die gefallenen Soldaten eines Krieges kann niemals ein adäquates Denkmal für jüdische Opfer der Nazis sein.

Denkmal und Gedenkveranstaltung passen thematisch überhaupt nicht zueinander. Bei dem sogenannten „Kriegerdenkmal Schalker Verein“ handelt es sich um ein – übrigens künstlerisch anspruchsloses – 5 Meter hohes Schwert aus Gussstahl, welches an einer 6 Meter hohen Stele angebracht ist. Eingeweiht wurde es von den Nazis am 1. Mai 1937, dem von der internationalen Arbeiterbewegung gestohlenen und zum „Tag der nationalen Arbeit“ umgedeuteten Feiertag. Das Schwertmotiv erinnert an die im Ersten Weltkrieg in zahlreichen Städten, auch in Gelsenkirchen, aufgestellten monumentalen Holzschwerter, die für die Fortführung des Krieges warben. Zugleich nahmen die Nazis die Erinnerung an die rund 400 „gefallenen Arbeitskameraden“ (Inschrift) des Ersten Weltkriegs in den Dienst ihrer eigenen faschistischen Kriegspolitik und ließen eine Seite der Stele mit dem berüchtigten Satz „Sie starben für Deutschland“ beschriften.

An diesem Täterdenkmal eine Gedenkveranstaltung zur Erinnerung an die verfolgten und ermordeten Juden des 9. November 1938 abzuhalten, können wir entweder nur als gedankenlos oder als naiv bezeichnen. Darum wiederholen wir unsere Forderung noch einmal: Wählen Sie einen anderen und geeigneten Ort für die Kundgebung der „Demokratischen Initiative“ am 9. November 2015 aus.

Das Denkmal strahlt weiterhin eine militaristische Botschaft aus.

Dass das Denkmal nach dem Zweiten Weltkrieg in Vergessenheit geraten ist, spricht gegen seine Bedeutung. Nach Aussagen eines früheren Betriebsrats des Schalker Vereins spielte es spätestens seit den 1960er Jahren im Bewusstsein der Belegschaft keine Rolle (mehr). Vielen war es gar nicht bekannt, auch wuchs es auf dem Werksgelände hinter den Torhäusern verborgen weitgehend zu. Es war nicht einmal mehr ein Ort der stillen Trauer, wie eine Vorlage der Stadtverwaltung den Ausschüssen weismachen will, sondern es stand schlicht und einfach vergessen in einer Ecke des Werksgeländes herum.

Mit der geplanten Verlagerung in den öffentlichen Raum verschafft die Stadt Gelsenkirchen diesem Denkmal neue Aufmerksamkeit. Die geplante Erinnerungstafel und die einfallslose „künstlerische Ergänzung“ in Form einer Stahlplatte mit der Inschrift „Die Opfer der Kriege mahnen zum Frieden“ reichen unseres Erachtens überhaupt nicht aus, um die ursprüngliche Intention des Denkmals zu brechen.

Weithin sichtbar wird die 6 Meter hohe, hässliche Stele aus Granitquadern mit dem 5 Meter hohen, aufgereckten lorbeerumkränzten Nazi-Schwert aus Gussstahl sein. Die kümmerliche „Ergänzung“ wird daneben verblassen, der in den Vorlagen der Verwaltung behauptete „Bedeutungswandel“ wird nicht sichtbar sein.

Vielmehr wird es Rechtsextremisten und Neofaschisten als willkommene Einladung für „Nationale Mai-Feiern“ oder „Nationale Antikriegstage“ dienen. Unpolitische Bürger, die es von weitem sehen, werden nur seinen heroischen Sinn erkennen. Wollen Sie der Stadt und vor allem unseren Kindern wirklich dieses gigantische Phallussymbol antun?

Daher fordern wir Sie nicht nur erneut auf, die Kundgebung der „Demokratischen Initiative“ am 9. November 2015 an einen anderen Ort zu verlegen, sondern auch, sich dafür einzusetzen, dass aus dem Nazi-Schwert durch eine wirklich radikale Verfremdung ein antifaschistisches Gesamtkunstwerk wird. Hierzu bedarf es einer Aufforderung an die Künstler und Bürger der Stadt, um das wertlose Schandmal durch ganz unterschiedliche Installationen phantasievoll und kreativ einzurahmen und zu kommentieren. Dies mindert nicht den Denkmalwert, schafft aber eine klare Aussage aus der Gegenwart zum Objekt der Nazi-Barbarei. Der Materialwert dieser Installationen dürfte weitaus geringer sein, als die Kosten der jetzigen Verlagerung für die Stadt betragen.

Mit freundlichen Grüßen
für die VVN-BdA Gelsenkirchen

Andreas Jordan        Knut Maßmann

Neuer Denkmalstandort des Nazi-Schwerts nimmt Gestalt an

Der neue Standort des sogenannten „Kriegerdenkmals Schalker Verein“ auf der Rückseite der Torhäuser nimmt langsam Gestalt an. Wie links im Bild zu sehen ist, wurde bereits ein Sockel für das Nazi-Schwert aufgestellt.

Fußweg auf der Rückseite der Torgebäude des früheren Schalker Vereins im Oktober 2015. Links im Bild der Untersatz für das Nazi-Schwert aus dem Jahre 1937, rechts im Bild die "Göttin der Wasserwirtschaft" des Gelsenkirchener Künstlers Achim Wagner aus dem Jahre 1992

Fußweg auf der Rückseite der Torgebäude des früheren Schalker Vereins im Oktober 2015. Links im Bild der Untersatz für das Nazi-Schwert aus dem Jahre 1937, rechts im Bild die „Göttin der Wasserwirtschaft“ des Gelsenkirchener Künstlers Achim Wagner aus dem Jahre 1992.

Es handelt sich bei dem Nazi-Schwert um eine lange in Vergessenheit geratene, wuchtige, sechs Meter hohe vierkantige Säule aus sechs Granitquadern mit einem fünf Meter langem lorbeerumringten Schwert aus Gussstahl aus dem Jahre 1937. Denkmäler dieser Art dienten den Nazis in den 1930er Jahren zur innenpolitischen Vorbereitung des geplanten, neuen Eroberungskrieges, den wir heute als Zweiten Weltkrieg kennen und in dessen Schatten der Holocaust stattfand.

In einem früheren Beitrag berichtete ich entsetzt über die Pläne der „Demokratischen Initiative gegen Diskriminierung und Gewalt, für Menschenrechte und Demokratie – Gelsenkirchen (DI)“, ausgerechnet an diesem Schandmal am 9. November 2015 eine Kundgebung anlässlich der Reichspogromnacht 1938 durchzuführen.

In der DI haben sich unter der Schirmherrschaft des jeweiligen Oberbürgermeisters seit 1992 insgesamt 23 Organisationen, „demokratische Parteien, Kirchen, karitative Einrichtungen, Gewerkschaften und weitere Gruppen zusammengeschlossen, um für ein demokratisches Miteinander in unserer Stadt einzutreten“. Zuletzt hatte die DI am 1. Mai 2015 in Ermangelung eigener Aktivitäten zur Teilnahme an der Veranstaltung der Evangelischen Emmaus-Kirchengemeinde gegen den Aufmarsch der Partei „Die Rechte“ auf dem Rotthauser Ernst-Käsemann-Platz aufgerufen.

Stichstraße auf der Rückseite der Torgebäude des früheren Schalker Vereins im Oktober 2015. Hinter dem Wendekreis auf der linken Seite des Fußweges ist der neue Standort des Nazi-Schwerts.

Stichstraße auf der Rückseite der Torgebäude des früheren Schalker Vereins im Oktober 2015. Hinter dem Wendekreis auf der linken Seite des Fußweges entsteht der neue Standort des Nazi-Schwerts.

„Demokratische Initiative“ will Gedenktag an die Reichspogromnacht am Nazi-Schwert feiern

Ein unglaublich widerwärtiges Ereignis wirft in Gelsenkirchen seine Schatten voraus. Am 9. November 2015, dem jährlichen Erinnerungstag an die sogenannte „Reichskristallnacht“, die 1938 einen neuen Höhepunkt der Judenverfolgung in Nazi-Deutschland markierte, plant die „Demokratische Initiative“ ihre Veranstaltung am sogenannten „Kriegerdenkmal Schalker Verein“ enden zu lassen. Bei diesem Denkmal handelt es sich um eine lange in Vergessenheit geratene, wuchtige, sechs Meter hohe vierkantige Steele aus sechs Granitquadern mit dem fünf Meter langem lorbeerumringten Schwert aus Gussstahl aus dem Jahre 1937. Denkmäler dieser Art dienten den Nazis in den 1930er Jahren zur innenpolitischen Vorbereitung des geplanten, neuen Eroberungskrieges, den wir heute als Zweiten Weltkrieg kennen und in dessen Schatten der Holocaust stattfand.

Inschriften beidseits des lorbeerumkränzten Nazi-Schwerts

Inschriften beidseits des lorbeerumkränzten Nazi-Schwerts

Nach derzeitigen Erkenntnissen wurde das Nazi-Schwert, das in den Vorlagen der Stadtverwaltung wahlweise als „Kriegerehrenmal“ bzw. „Kriegerdenkmal Schalker Verein“ bezeichnet wird, im Jahre 1937 auf dem Gelände des Schalker Vereins an der Wanner Straße in Gelsenkirchen-Bulmke errichtet. Das Denkmal wurde von Hubert Nietsch gestaltet, der in Gelsenkirchen für weitere NS-affine Kunst bekannt und berüchtigt ist. Eingeweiht wurde es am 1. Mai 1937, dem von den Nazis als “Tag der nationalen Arbeit” instrumentalisierten 1. Mai der Gewerkschaften. Das Denkmal erinnert mit einer Inschrift an die im Ersten Weltkrieg „gefallenen Arbeitskameraden“ und instrumentalisiert ihren Tod mit der von den Nazis gerne bemühten Inschrift „Sie starben für Deutschland“ im Sinne der Nazi-Ideologie.

Das Schwert erinnert zugleich an die Aufstellung von monumentalen Holzschwertern während des Ersten Weltkrieges in vielen Städten auf öffentlichen Plätzen und in Gelsenkirchen auf dem Neumarkt. Diese dienten dem Beschlagen mit Nägeln, die durch Spenden für die Unterstützung von Kriegshinterbliebenen erworben wurden und auf diese Art für die Fortführung des Krieges warben.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Denkmal um die Erinnerung an die „gefallenen Arbeitskameraden“ der Jahre 1939 bis 1945 ergänzt und im Laufe der Zeit vergessen. Heute ist von dem ursprünglichen Platz rund um die Säule nichts mehr zu erkennen, das Ensemble zu einem stillen Ort unter Bäumen geworden. Auch für den Historiker Dr. Schmidt (Institut für Stadtgeschichte) war es eine Neuentdeckung, die mit der Öffnung des ehemaligen Werksgeländes zusammenfiel.

Denkmal an die im Ersten Weltkrieg gefallenen Werksangehörigen des Schalker Vereins aus der Nazi-Zeit (1937)

Denkmal an die im Ersten Weltkrieg gefallenen Werksangehörigen des Schalker Vereins aus der Nazi-Zeit (1937)

Doch dort soll es nicht bleiben. Mit dem Antrag auf Eintragung in die Denkmalliste lag der Bezirksvertretung Mitte am 04. März 2015 auch ein Antrag auf Verlagerung („Translozierung“) und Umgestaltung vor, der im Laufe des Monats auch noch im Stadtentwicklungs- und Planungsausschuss beraten und im Kulturausschuss am 18. März 2015 zur Entscheidung vorlag: da das Denkmal an seinem Standort hinter den Torhäusern an der Wanner Straße “einer Vermarktung und Entwicklung eines Gewerbe- und Industrieparks im Wege steht” plane die Eigentürmerin, die Firma Saint-Gobain, unter Beteiligung des Instituts für Stadtgeschichte und der zuständigen Denkmalbehörde die Verlagerung des Denkmals. Außerdem solle der historische Hintergrund durch eine künstlerische Ergänzung in Form einer Platte aus Stahl mit der Inschrift “Die Opfer der Kriege mahnen zum Frieden” und eine ISG-Erinnerungsortetafel erklärt werden. Die Kosten der Verlagerung wurden mit rund 30.500 Euro veranschlagt, der städtische Anteil daran mit 17.300 Euro.

Rückseitige Ansicht des Geländes der Torgebäude des ehemaligen Schalker Vereins

Rückseitige Ansicht des Geländes der Torgebäude des ehemaligen Schalker Vereins, linker Hand nach dem Wendehammer soll der neue Standort des Denkmals sein.

In einem früheren Artikel kritisierte ich die Kosten für die den Erhalt alter Nazi-Kunst, die Unklarheit der „künstlerischen Ergänzung“ sowie die Unwägbarkeit der Nutzung durch Rechtsextremisten. Eine weitergehende Kritik am Erhalt des Denkmals formulierte der umtriebige Klaus Brandt in einem seiner Bürgeranträge. Er beantragte, das Denkmal wieder von der Denkmalliste zu streichen und zu „entsorgen“. Erwartungsgemäß wurde der Antrag abgelehnt. Nun muss man nicht der Meinung von Klaus Brandt sein, ich teile sie auch nicht. Doch einfach unverschämt einem demokratisch gesinnten Bürger dieser Stadt gegenüber liest sich die Vorlage der Stadtverwaltung für die Kulturausschussitzung am 16. September 2015. Da wird der Vorschlag zur „Entsorgung“ des Nazi-Schwerts mit der Zerstörung wertvoller kultureller Denkmäler durch die Taliban in Afghanistan und des sogenannten „Islamischen Staat“ in Syrien gleichgesetzt. Ist dem Menschen, der diese Vorlage verfasst hat, nicht bekannt, in welchem Maße die Nazis im besetzten Europa gewütet haben? In ihrer Zerstörungswut sind sie viel eher mit den religiösen Fundamentalisten vergleichbar, als es Klaus Brandt ist.

Das Massaker von Oradour am 10. Juni 1944 war ein durch die Waffen-SS verübtes Kriegsverbrechen an der Bevölkerung des französischen Dorfes Oradour-sur-Glane (Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Car_in_Oradour-sur-Glane.JPG).

Ein Beispiel von vielen für die Zerstörungswut der Nazis im besetzten Europa. Das Massaker von Oradour am 10. Juni 1944 war ein durch die Waffen-SS verübtes Kriegsverbrechen an der Bevölkerung des französischen Dorfes Oradour-sur-Glane (Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Car_in_Oradour-sur-Glane.JPG).

Noch viel unglaublicher finde ich jedoch die Ankündigung in der gleichen Vorlage, dass die „Demokratische Initiative“ beschlossen habe, „ihre Veranstaltung zur Erinnerung an die Verbrechen  der sogenannten Reichskristallnacht im Jahr 2015 an dem Denkmal des Schalker Vereins enden zu lassen.“ Das muss man sich einmal vorstellen: Am Nazi-Schwert, das den Ersten Weltkrieg im Sinne der Nazi-Ideologie instrumentalisiert, innenpolitisch auf den Zweiten Weltkrieg vorbereitet in dessen Schatten der Holocaust stattfand, soll eine Gedenkveranstaltung an die Reichspogromnacht stattfinden, die 1938 einen neuen Höhepunkt der Judenverfolgung markierte. Zynischer geht es wohl kaum noch …

Eindrücke vom 9. November 2013

ausgebrannte Synagoge Alt-Gelsenkirchens nach dem 9. November 193875 Jahre nach der sogenannten „Reichskristallnacht“ vom 9. November 1938 rief die „Demokratische Initiative“ unter der Schirmherrschaft des Oberbürgermeisters Frank Baranowski wie auch in den Jahren zuvor zu einer Gedenkveranstaltung auf. Seit 1964 findet diese jährliche Gedenkveranstaltung statt, die ursprünglich 1964 von der SJD Die Falken organisiert wurde.

Mit einem Schweigezug ging es ab 17.30 Uhr vom Bahnhofsvorplatz (vor der alten Post, dem jetzigen Verwaltungsgericht) über die Bahnhofstraße, der Von-der-Recke-Straße, der Ahstraße, der Parkanlage Robert-Koch-Straße zum Neuen Hans-Sachs-Haus.

Auf der Bahnhofstraße hatte es bis 1938 noch zahlreiche Geschäfte von jüdischen Besitzern gegeben, in der Von-der-Recke-Straße hatten wie überall in der Innenstadt jüdische Familien gewohnt. An der Ahstraße stand vor dem Bau des orangefarbenen Hamburg-Mannheimer-Hochhauses das alte Rathaus, welches ab 1932 Sitz der Polizei und später auch der Gestapo wurde. Hier wurden rassisch und politisch Verfolgte inhaftiert und gefoltert. In der Parkanlage Robert-Koch-Straße führte der Zug an einer im Dunkeln leider kaum erkennbaren Sandsteinskulptur vorbei, die bei einem internationalen Workcamp mit Jugendlichen aus dem Tossehof zum Thema Rassismus entstand. (Am englischen Begriff „Workcamp“ kann man übrigens bemerken wie sehr die Nazis die deutsche Sprache beschädigt haben. Wer würde für eine internationale Jugendbegegnung die deutsche Übersetzung „Arbeitslager“ benutzen?)

Die Abschlusskundgebung fand im Neuen Hans-Sachs-Haus statt. Das alte Hans-Sachs-Haus, von dem nur noch die Fassade und der Hotelturm erhalten sind, war auch in der Nazizeit Sitz der Stadtverwaltung.

Im Bürgerforum des Neuen Hans-Sachs-Hauses lasen Schülerinnen aus ihren Eindrücken von der Fahrt nach Auschwitz im Jahre 2012 vor, die der Ziegenmichel e.V. organisiert hatte. Eine der Schülerinnen war auch jetzt noch so bewegt, dass sie über die ersten zwei Sätze ihrer Eindrücke nicht hinauskam. Es folgten zwei bewegende Musikstücke von Viktoria und Benjamin Sarainski.

In seiner Rede betonte der sozialdemokratische Oberbürgermeister Frank Baranowski unter anderem, dass die Ereignisse, die zu Auschwitz führten, nicht irgendwo stattgefunden haben, sondern auch in Gelsenkirchen und es auch heute noch beschämend sei, wie wenig Widerstand den Nazis entgegengebracht worden sei. Man habe damals der Inszenierung, sie stünden für Recht und Ordnung, geglaubt. (Nun, ich nehme an, viele Menschen aus dem deutschen Bürgertum waren damals froh gewesen, als die Nazis erst die Kommunisten, und dann die Sozialdemokraten und Gewerkschafter einsperrten. Und von der „Arisierung“ genannten Enteignung jüdischen Besitzes wird ja wohl auch jemand profitiert haben.)

Es folgte ein Film über die oben bereits erwähnte Auschwitz-Fahrt, in der unter anderem mehrere Jugendliche zu Wort kamen und ihre Eindrücke schilderten. Der Film war schwarzweiß und die Aufnahmen aus der „Todesfabrik“ Auschwitz schienen wie aus einer anderen Welt zu stammen.

Die Veranstaltung endete traditionsgemäß mit dem Singen des „Moorsoldatenliedes“, mit dem „Altfalken“ Günther Bargel an der Gitarre und dem Publikum.

Auf dem Bahnhofsvorplatz und während des Schweigezuges verteilte die örtliche Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten Flugblätter, in denen auf Stolpersteine hingewiesen wurde, die an die jüdischen Opfer des Pogroms 1938 erinnern und die die Veranstaltung der Demokratischen Initiative weder einbezog noch erwähnte. Rund zwei Drittel der inzwischen 78 Stolpersteine erinnern an jüdische Bürgerinnen und Bürger Gelsenkirchens, die auch in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 von der Gewalt der Nazis betroffen waren. Weitere Stolpersteine werden auch auf der Bahnhofstraße folgen und die Gelsenkirchener während des Einkaufens an die Ereignisse erinnern.