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„Der Staat gegen Fritz Bauer“ – Deutschlandpremiere in der Lichtburg Essen

Lichtburg Essen - Premiere des Films "Der Staat gegen Fritz Bauer"

Lichtburg Essen – Premiere des Films „Der Staat gegen Fritz Bauer“

Ein Film mit einem sehr deutschen Thema zeigte die Essener Lichtburg, mit 1250 Plätzen das größte Kino Deutschlands und zugleich eines der ältesten und schönsten Kinos, gestern in einer Deutschlandpremiere. „Der Staat gegen Fritz Bauer“ ließ die 1950er Jahre wieder aufleben, die junge westdeutsche Republik, ein spießiger Adenauer-Staat, in dem zahlreiche Nazis ihre durch die bedingungslose Kapitulation der Nazi-Diktatur unterbrochene Karriere fortsetzten.

Wer die Dokumentation „Fritz Bauer – Tod auf Raten“ aus dem Jahre 2010 mit Original-Archivmaterial kennt, wird überrascht sein, wie überzeugend Burghart Klaußner in die Rolle des Hessischen Generalstaatsanwalts schlüpft. Fast meint man, keinen Schauspieler, sondern den echten Fritz Bauer auf der Leinwand zu erleben.

Im Mittelpunkt des Films steht Fritz Bauers Absicht, den SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann, den Organisator des Holocaust, in Frankfurt vor Gericht zu stellen und damit die Bevölkerung mit ihrer eigenen Geschichte zu konfrontieren. Warum ihm das nicht gelingt und wie es dazu kommt, dass der israelische Geheimdienst schließlich aufgrund von Bauers Informationen den in Argentinien untergetauchten Eichmann nach Jerusalem entführt und vor Gericht stellt, das sehe man sich im Film selbst an.

Der fiktive Charakter des jungen Staatsanwalts Karl Angermann, glaubwürdig gespielt von Ronald Zehrfeld, thematisiert zugleich die Homosexualität Fritz Bauers und den Skandal, dass der in der Nazi-Zeit verschärfte §175, der sich gegen homosexuelle Handlungen unter Männern wandte, auch in der Bundesrepublik Deutschland noch lange Zeit fortgalt.

Lichtburg Essen - gut besuchte Premiere des Films "Der Staat gegen Fritz Bauer"

Lichtburg Essen – gut besuchte Premiere des Films „Der Staat gegen Fritz Bauer“

Zur gut besuchten Deutschlandpremiere in der Lichtburg Essen waren unter anderem die beiden Hauptdarsteller Burghart Klaußner und Ronald Zehrfeld, der Regisseur Lars Kraume sowie die Produzenten und weitere Mitglieder des Teams zu Gast. Offizieller Kinostart in Deutschland ist der 1. Oktober. Wer sich für unsere nahe Vergangenheit und die Schwierigkeiten der sogenannten „Vergangenheitsbewältigung“ interessiert oder einfach nur hervorragende deutsche Schauspieler sehen will, dem sei der Film ans Herz gelegt.

Der Staat gegen Fritz Bauer. D 2015. 105 Min. Regie Lars Kraume. Darst. Burghart Klaußner, Ronald Zehrfeld, Michael Schenk u.a. http://www.alamodefilm.de/kino/detail/der-staat-gegen-fritz-bauer.html

Supplement

„Der Staat gegen Fritz Bauer“ wurde wie erwartet in den üblichen Medien besprochen. Die einzige kritische Stimme fand ich von von Daniel Kothenschulte in der Frankfurter Rundschau.
Sehr ausführlich schreibt Oliver Kaever in der Zeit über den Film. Ein lesbarer Beitrag, den ich ohne Internet sicher nicht gelesen hätte, findet sich auch im Hamburger Abendblatt von Peter Zander. Die üblichen lobenden Worte finden Sascha Westphal in der WAZ und Frank Arnold im Spiegel. In der Welt – auch keine Überraschung – meint Eckhard Fuhr in einem Nebensatz Fritz Bauer gegen die 68er aufrechnen zu müssen, während Kai Köhler in der jungen Welt betont, wie schwierig die Aufarbeitung der Vergangenheit war, solange noch Alt-Nazis an den Schaltstellen der jungen Bundesrepublik saßen. Inzwischen habe ich eine sehr kritische Stellungnahme von Kurt Nelhiebel, die dem Film Geschichtsklitterung vorwirft, auf der Seite der VVN-BdA-NRW dokumentiert gefunden. Lesenswert.

„Nackt unter Wölfen“ wiedergesehen

Nackt unter Wölfen 1962Der 11. April, der 70. Jahrestag der (Selbst-)Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald war der Anlass, mir wieder den Film der DEFA aus dem Jahre 1962, „Nackt unter Wölfen“, anzusehen. Der Film entstand in der damaligen DDR nach dem gleichnamigen Roman von Bruno Apitz aus dem Jahre 1958. Bruno Apitz gehörte selbst zu den überlebenden Häftlingen des KZ.

Roman wie Film handeln von der gefahrvollen Rettung eines kleinen Kindes im Konzentrationslager. Bei einem der vielen Transporte aus Auschwitz wird der Dreijährige, der bereits in Auschwitz vor der SS versteckt worden war, in einem Koffer von einem polnischen Häftling mitgebracht. Die Häftlinge sind ganz entzückt von dem kleinen Jungen. Sie wissen, dass die SS ihn totschlagen wird, wenn sie ihn ausliefern. Der kleine Junge wird zuerst in der Effektenkammer, dann in der Seuchenbaracke und schließlich in einem Schweinekoben versteckt. Damit gerät jedoch zugleich die Untergrundorganisation der Häftlinge in Gefahr. Während die US-Army den Rhein überquert und dem Lager immer näher rückt, suchen die SS-Bewacher „den Judenbengel“ und versuchen gleichzeitig die Untergrundorganisation zu zerschlagen.

Als vor Herannahen der US-amerikanischen Armee das Lager „evakuiert“ werden soll, verweigern sich die Häftlinge und bleiben in ihren Baracken. Während sich der Lagerkommandant absetzt und andere SS-Leute in Zivilkleidung fliehen, gelingt es einigen Häftlingen, mit Hilfe von zuvor versteckten Waffen das Lagertor und einen Wachturm zu erobern. Dank der herannahenden US-Army gelingt es ihnen, das Lager zu befreien. Die Filmszene, in der die befreiten Häftlinge aus ihren Baracken herauskommen und auf den Appellplatz strömen ist auch heute noch unglaublich bewegend.

Reclams Filmführer schreibt dazu: „Der Autor Bruno Apitz war selbst acht Jahre im Konzentrationslager Buchenwald. Das war eine Voraussetzung für realistische Wirklichkeitsnähe, die der Film fast durchgehend erreicht. Gelegentlich stört ein gewisses Pathos, das die Guten allzu gut erscheinen läßt. Der Eindruck des Dokumentarischen verstärkt die Mitwirkung von Schauspielern verschiedener Nationalität, die im Film alle ihre Muttersprache sprechen.“ (1985, S. 364)

Die Geschichte beruht auf wahre Begebenheiten. Bei dem geretteten Jungen (dem „Buchenwaldkind“) handelt es sich um Stefan Jerzy Zweig. Auch die im Kalten Krieg oft als „Mythos“ bezeichnete Selbstbefreiung des Lagers hat stattgefunden, wäre allerdings ohne das Herannahen der US-Army nicht erfolgreich gewesen, was im Film deutlich gezeigt wird.

Das Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar war eines der größten KZ auf deutschem Boden, es bestand von 1937 bis 1945 und unterhielt ein großes System von Außenlagern, darunter auch Außenlager in Gelsenkirchen (Gelsenberg) und in anderen Ruhrgebietsstädten. Das Lagergelände bei Weimar wurde von der sowjetischen Militäradministration bis 1950 als Speziallager Nr. 2 genutzt. 1958 wurde die Nationale Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald eröffnet, die nach der Vereinigung beider deutsche Staaten ab 1991 umgestaltet wurde. In der ehemaligen Effektenkammer befindet sich eine Dauerausstellung zur Geschichte des Konzentrationslagers, in einigen der früheren SS-Kasernen bestehen Seminar- und Übernachtungsmöglichkeiten für Jugendgruppen, die sich mit der Geschichte des Lagers beschäftigen wollen.

Der Roman von Bruno Apitz wurde in 30 Sprachen übersetzt und erreichte eine Gesamtauflage von 2 Millionen. Eine erste Verfilmung entstand 1960 für das DDR-Fernsehen, eine Neuverfilmung 2015.

Mathilde – Eine große Liebe

Mathilde - eine große LiebeDer aus dem Jahre 2004 stammende französische Film „Un long dimanche de fiançailles“ erzählt mit großer visueller Kraft und viel Liebe zum Detail die Suche der 20jährigen Mathilde (Audrey Tautou) nach ihrem Verlobten Manech, der aus dem Ersten Weltkrieg nicht wiedergekehrt ist.

Manech gehörte zu fünf Soldaten, die 1917 wegen Selbstverstümmelung zum Tode verurteilt und in das Niemandsland zwischen den französischen und deutschen Schützengräben an der Sommefront gejagt wurden, um dort zu krepieren. Doch Mathilde hält eigensinnig an ihrem Gefühl fest, dass ihre große Liebe noch lebt, selbst als sie an einem Grab mit seinem Namen steht. Ihre Suche erstreckt sich in alle Richtungen und erzeugt zahlreiche kleine Nebenhandlungen, die sich vor und zurück in der Zeit bewegen. Sie folgt weiteren Hinweisen, wie den Stiefeln eines deutschen Soldaten und vertauschten Erkennungsmarken. Der Film zeigt auch den Stellungskrieg an der festgefahrenen Front, zeigt Schlamm, Dreck, Verrohung, Tod und Zerstörung. Dies wäre nicht auszuhalten, wenn sich der Film nicht gleichzeitig durch einen besonderen Humor bei der Darstellung der Charaktere und ihrer Eigenheiten auszeichnen würde.

Regie führte Jean-Pierre Jeunet, die Hauptrolle spielt Audrey Tautou, beide mit „Die fabelhafte Welt der Amelie“ bekannt geworden. Wie auch in anderen Filmen des Regisseurs („Delicatessen“, „Die Stadt der verlorenen Kinder“) werden ungewöhnliche Charaktere und ihre Geschichten zu einer sehr sehenswerten Erzählung zusammengefügt.

Französischer Widerstand und der Weg nach Auschwitz

briefe_aus_der_deportation_filmIn diesem Jahr jährt sich zum hundertsten Male der Beginn des Ersten Weltkrieges 1914. Angesichts der zu erwartenden medialen „Stahlgewitter“ sollte der Zweite Weltkrieg und damit das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte nicht in Vergessenheit geraten. Der Verein Gelsenzentrum e.V. zeigt aus diesem Grund im Kulturraum „die flora“ den Dokumentarfilm „Briefe aus der Deportation“ (2012) von Pierre Dietz, um die Erinnerung an die millionenfache Verfolgung und Ermordung von Menschen wach zu halten und ihrer zu gedenken.

Unter den Verfolgten waren auch viele, die wegen ihrer politischen Überzeugungen und Werte den Weg in die Lager gingen, viele sind nie wieder zurückgekehrt. Der Film zeichnet den Weg des französischen Arbeiters William Letourneur nach, der 1943 von einem Nachbar denunziert, von der Gestapo in Maromme, einem Vorort von Rouen, verhaftet und über Compiègne nach Buchenwald deportiert wurde. Weitere Stationen waren Konzentrationslager in Lublin und Auschwitz. Während dieser Zeit hielt er über heimliche und offizielle Briefe Kontakt zu seiner Frau, die ihm alles schickte, was sie entbehren konnte. In Auschwitz wurde er stumm. Nur Krankenblätter sind Zeugnisse aus dieser Zeit.

Es handelt sich um einen sehr persönlichen Film über ein Schicksal im von Nazi-Deutschland besetzten Europa. „Briefe aus der Deportation“ zeigt die Situation der politischen Häftlinge in den Konzentrationslagern der Nazis, die durch Arbeit vernichtet wurden. Die Musik komponierte Mimi Poulakis. In den Sprechrollen sind Walter Renneisen, Joachim Pütz, Michael Best und Sissi Hajtmanek (in der Reihenfolge ihres Auftretens). Briefe aus der Deportation ist auch als Buch erschienen.

Der 60-minütige Film wird am Donnerstag, dem 20. Februar 2014 gleich zweimal in der „flora“ (Florastraße 26,  45879 Gelsenkirchen) gezeigt. Eine Schulvorstellung findet um 10.00 Uhr statt, die Abendvorstellung um 19.30 Uhr. Kooperationspartner ist die Gelsenkirchener Kreisvereinigung der VVN-BdA (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten). Der Eintritt ist frei. Anmeldungen für die Schulvorstellung werden vom Veranstalter unter (0209) 999 46 76 entgegengenommen.

Foto: © Contrabasta Filmstudio/Pierre Dietz

„Tod auf Raten“ im Kulturraum „die flora“

Kulturraum die flora zeigt Fritz Bauer Tod auf Raten (klein)Ich hatte nicht mit großer Resonanz auf den Film- und Diskussionsabend zum Film „Fritz Bauer – Tod auf Raten“ in der „flora“ gerechnet, umso überraschter war ich, als neben den üblichen Verdächtigen auch eine ganze Schulklasse der Abendrealschule auftauchte. Der Film dokumentiert Fritz Bauers Leben und verwendet dazu vorhandenes Filmmaterial unter anderem des Hessischen Rundfunks. Für die MTV-Generation war es sicherlich ein Kulturschock, gleich zu Beginn einen älteren Mann mit dicker Hornbrille reden zu hören – und das auf Filmmaterial in schwarzweiß zu sehen.

„Tod auf Raten“ beleuchtet soweit das filmisch möglich ist, das Leben von Fritz Bauer und thematisiert womit er bekannt geworden ist: Den Frankfurter Auschwitz-Prozess 1963 bis 1965, den er als Generalstaatsanwalt gegen die SS-Angehörigen des Konzentrations- und Vernichtungslagers initiierte. Weniger bekannt war, dass er ganz entscheidend 1952 in einem Prozess zur Rehabilitierung der Hitler-Attentäter des 20. Juli 1944 beigetragen hatte. Gänzlich unbekannt war wohl lange Zeit, dass er 1960 dem israelischen Geheimdienst den Tipp über den Aufenthaltsort Adolf Eichmanns in Südamerika gegeben hatte. Die Frage, warum er nicht den Weg eines Auslieferungsantrages gegangen war, um Eichmann vor ein deutsches Gericht zu stellen, wurde im Film auch angeschnitten und beantwortet. Aufgrund der Nazi-Seilschaften in der alten Bundesrepublik befürchtete er, dass Eichmann rechtzeitig gewarnt werden und untertauchen würde. So kam es, dass Eichmann in Jerusalem vor ein israelisches Gericht gestellt und verurteilt worden ist. Bauer selbst wird das Zitat zugeschrieben, wenn er seine Amtsräume verließe, würde er feindliches Ausland betreten.

Fritz Bauer, 1903 in Stuttgart als Kind einer jüdischen Familie geboren, studierte Rechtswissenschaft und trat 1920 in die SPD ein. Nach der „Machtergreifung“ der Nazis 1933 musste er sein Amt als Richter niederlegen und wurde einige Monate im KZ inhaftiert. Er emigrierte 1936 nach Dänemark und floh vor der Mordmaschine der Nazis weiter nach Schweden. Nach der Befreiung Deutschlands durch die Alliierten kehrte er 1949 wieder zurück, wurde Generalstaatsanwalt in Braunschweig und später Hessischer Generalstaatsanwalt in Frankfurt/Main.

Bauer war Mitbegründer der Bürgerrechtsorganisation „Humanistische Union“ und setzte sich für Strafrechts- und Strafvollzugsreformen ein. Auf seine Initiative hin wurde am Landgericht Frankfurt am Main der Artikel 1 des Grundgesetzes „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ angebracht. In seinen großen Prozessen ging es ihm um eine gesellschaftliche Verantwortung der Justiz und dem Wiederaufbau eines demokratischen Staatswesens und zu diesem Zweck um die konsequente Verfolgung nationalsozialistischen Unrechts.

1965 eröffnete er die Voruntersuchung für einen Prozess gegen Täter der „Euthanasie“-Morde. In der Nacht vom 30. Juni auf den 1. Juli 1968 starb Fritz Bauer in seiner Wohnung in Frankfurt am Main unter nicht geklärten Umständen. Er wurde tot in der Badewanne aufgefunden. Der geplante Prozess gegen Täter der „Euthanasie“-Morde wurde nie geführt. Bis heute bleibt sein Name mit dem Frankfurter Auschwitz-Prozess und dessen Wirkung verbunden, die eine öffentliche Beschäftigung mit dem Holocaust ab Mitte der 1960er Jahren vorantrieb.

Fritz Bauer – Tod auf Raten

Am Mittwoch, den 19. September 2012, um 19.30 Uhr, zeigt der Rosa Luxemburg Club in Gelsenkirchen den Dokumentarfilm aus dem Jahre 2010 „Fritz Bauer – Tod auf Raten“ im Kulturraum „die flora“, Florastr. 26 in 45879 Gelsenkirchen. Der Eintritt ist frei.

Fritz Bauer spielte in der deutschen Justiz eine entscheidende Rolle beim Wiederaufbau der Demokratie. Als Staatsanwalt rehabilitierte er die Attentäter des 20. Juli 1944 und initiierte die Frankfurter Auschwitzprozesse. Er lieferte die entscheidenden Hinweise für die Ergreifung Adolf Eichmanns, der für Daimler-Benz in Argentinien unter falschem Namen arbeitete.

Fritz Bauer, 1903 in Stuttgart geboren, Kind einer jüdischen Familie, war promovierter Jurist und trat in den 1920er Jahren in die SPD ein. Nach seiner Ergreifung durch die Nazis konnte er ins Ausland fliehen. Nach seiner Rückkehr wurde er zunächst Generalstaatsanwalt in Braunschweig, später in Hessen. Sein überraschender Tod 1968 liefert bis heute Anlass für Diskussionen. Das Fritz-Bauer-Institut – Studien- und Dokumentationszentrum zur Geschichte und Wirkung des Holocaust in Frankfurt/Main trägt seinen Namen.

Die Regisseurin Ilona Ziok durchforschte Archive und stieß auf wegweisende Statements des hessischen Generalstaatsanwalts. Kombiniert mit Aussagen von Zeitzeugen und ausgesuchten Werken klassischer und zeitgenössischer Komponisten entsteht das Portrait eines der bedeutendsten Juristen des 20. Jahrhunderts. Ein deutscher Staatsanwalt, der bei seinen Ermittlungen über NS-Verbrechen in die Netzwerke von Alt-Nazis gerät. Das Psychogramm eines Aufrechten in den 1960er Jahren und einer Nation, die von ihrer Vergangenheit nichts wissen wollte.

Quelle: Ankündigung der Rosa-Luxemburg-Stiftung

„… bei Aushebungen in Warschau …“

Morgen vor 70 Jahren, am 20. Januar 1942, fand in Berlin die Wannseekonferenz statt, auf der hochrangige Nazis die „Endlösung der europäischen Judenfrage“ besprachen. Das Protokoll führte Adolf Eichmann. Hinter der oberflächlich verklausulierten Sprache der Nazis, in der es um „Arbeitseinsatz im Osten“ und „Sonderbehandlung“ geht, kann man unschwer die tatsächlichen Absichten erkennen. Es ging den Nazis um organisatorische Absprachen zur Durchführung eines europaweiten Massenmordes.

Eberhard Jäckel hatte das anlässlich der Debatte um das Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin wie folgt treffend zusammengefasst: „Es war neuartig und insofern, als es geschah, einzigartig, daß noch nie zuvor ein Staat beschlossen hatte, eine Gruppe von Menschen, die er als Juden kennzeichnete, einschließlich der Alten, der Frauen, der Kinder und Säuglinge ohne jegliche Prüfung des einzelnen Falles möglichst restlos zu töten, und diesen Beschluß mit staatlichen Maßnahmen und Machtmitteln in die Tat umsetzte, indem er die Angehörigen dieser Gruppe nicht nur tötete, wo immer er sie ergreifen konnte, sondern in vielen Fällen, zumeist über große Entfernungen und überwiegend aus anderen Ländern, in eigens zum Zweck der Tötung geschaffene Einrichtungen verbrachte.“

Aus Gelsenkirchen nahm übrigens der Gauleiter Westfalen-Nord, Alfred Meyer, in seiner Eigenschaft als Staatssekretär im Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete an der Wannseekonferenz teil.

Aus Anlass dieses Datums und als Beginn der „Woche der Erinnerung“ zeigte Gelsenzentrum e.V. heute in der flora den Film „Nacht und Nebel“, eine Produktion des französischen Regisseurs Alain Resnais aus dem Jahre 1955. Der halbstündige Dokumentarfilm zeigt Schwarzweiß-Aufnahmen aus der Nazizeit kombiniert mit Farbaufnahmen, die von den Alliierten nach der Befreiung der Konzentrationslager gemacht wurden. Das grün überwucherte Lagergelände und gesprengte Gaskammern der Gegenwart der 1955er Jahre werden als Kontrast für die Aufnahmen verfolgter, deportierter, erniedrigter und ermordeter Menschen gezeigt. Gleichzeitig zeigt der Film, wie Hartmut Hering in seiner Einleitung darstellte, dass ein Konzentrationslager nichts Unvorstellbares ist, sondern von Menschen gemacht wurde. Im Film heißt es dazu sinngemäß, auch ein KZ benötigt Architekten, Baupläne, Kostenvoranschläge. Nicht zuletzt wirkt „Nacht und Nebel“ durch die Musikbegleitung Hanns Eislers und durch den Text von Paul Celan auf eine Weise, die ich nur schwer in Worte oder Gefühle ausdrücken kann.

Ein Beispiel dazu:
Wer den Film sieht, sieht ihn mit eigenen Augen, vor dem Hintergrund eigenen Wissens und bereits gesehener Bilder und Filme. Tief getroffen hat mich eine Szene, in der über ein Foto die Textzeile „… bei Aushebungen in Warschau …“ gesprochen wurde. Hier wurden mit einer Reihe von Fotodokumenten gezeigt, wie Nazis und Kollaborateure in besetzten Ländern Juden zur Deportation zusammen trieben. Das Foto zur Textzeile „… bei Aushebungen in Warschau …“ dagegen zeigt einen Ausschnitt des weltberühmten Fotos des jüdischen Jungen, der sich ergibt. Das komplette Foto zeigt die letzten Überlebenden des Aufstands des Warschauer Ghettos 1943, wie sie sich ihren SS-Peinigern ergaben. Hier muss man wissen, dass die Juden des Warschauer Ghettos, als sie den Aufstand wagten, wussten, was ihnen (auch sonst) bevorstand. Sie kämpften nicht um ihr Leben, sie kämpften um ihre Würde. Die Nazis konnten diesen Aufstand nur niederschlagen, indem sie Haus für Haus eroberten, ausräucherten, sprengten und niederbrannten. Am Ende konnte SS-General Stroop seinen Vorgesetzten melden, dass der „jüdische Wohnbezirk“ in Warschau nicht mehr existierte, ausgelöscht war. Mit diesem Wissen das Foto zu sehen und die Textzeile „… bei Aushebungen in Warschau …“ zu hören machte mich sprachlos, macht es mir unmöglich angemessene Gefühle zu äußern. Zeigt in diesem kleinen Detail das Ziel der Aushebung gleich mit: Auslöschung!

Die Filmvorführung war gut besucht, neben den zu erwartenden Besuchern hatte eine Geschichtslehrerin eines Gymnasiums ihre Klasse mitgebracht. Nach dem einleitenden Referat von Hartmut Hering und dem Film selbst folgte eine Diskussion über Einsatzmöglichkeiten und Wirkung des Films wie aktuelle Fragen, die der Film prophetisch vorwegnimmt, bevor die Veranstaltung nach zwei Stunden ihr Ende fand.

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Woche der Erinnerung“ von Gelsenzentrum folgen noch zwei weitere Veranstaltungen, auf die ich hinweisen will.

Am Donnerstag, dem 26. Januar 2012 findet wieder um 19 Uhr in der flora die Vorführung eines Videomitschnitts statt. Rolf Abrahamsohn, 86jähriger jüdischer Überlebender, berichtet über seine Deportation aus Gelsenkirchen und seinen Leidensweg durch verschiedene Konzentrationslager.

Am Freitag, dem 27. Januar 2012 findet ab 18.30 Uhr auf dem Bahnhofsvorplatz die Gedenkveranstaltung „Gelsenkirchener Lichter“ anlässlich des Holocaust-Gedenktages statt. Das Datum markiert zugleich die erste Deportation Gelsenkirchener Juden.

Ferner findet am 31. Januar 2012, einen Tag nach dem Jahrestag der sogenannten „Machtergreifung“ der Nazis 1933, in der Volkshochschule Essen um 19 Uhr eine Veranstaltung mit Beate Klarsfeld statt, die mir noch durch die Ohrfeige für den damaligen Bundeskanzler Kiesinger (CDU, vormals NSDAP) bekannt ist und die über den FDP-Politiker Ernst Achenbach (vormals NSDAP und SS) referiert, der sein in den Reihen der Freien Demokraten offenbar wenig bekanntes Vorleben der Nazizeit beschwieg und innerhalb der nordrhein-westfälischen FDP Anfang der 1950er Jahren eine „nationale Sammlung“ alter Nazis anstrebte.