Archiv für den Tag 11. September 2022

Gedenkstättenfahrt nach Bremen und Esterwegen

Geführte Tour durch den U-Boot-Bunker Valentin, heute Denkort.

Zum inzwischen elften Mal fuhren die DGB-Jugend Mülheim, Essen, Oberhausen und die VVN-BdA Essen gemeinsam zu Orten des Nazi-Terrors. Wie schon viele Male zuvor waren eine Großstadt und ein in der Nähe gelegener Gedenkort das Ziel der Wochenendtour. Von Freitag bis Sonntag, vom 9. bis 11. September 2022 ging es nach Bremen und in die KZ-Gedenkstätte Esterwegen. In Bremen wie in Esterwegen war zu sehen, wie die Nazis in ländlichen Regionen Großprojekte in Gang setzen, die der Unterdrückung und Ausbeutung politischer Gegener und Andersdenkender dienten und von der zugleich die jeweils örtliche Bevölkerung profitierte.

Der Freitag war für die reine Busfahrt nach Bremen vorgesehen, das Programm begann am Samstag in Bremen-Farge mit der Besichtigung des U-Boot-Bunkers Valentin. Durch diesen „Denkort“ führten uns mit Monika Eichmann und Ulrich Stuwe zwei Mitglieder der VVN-BdA Bremen und zeigten uns ein gigantisches Bauwerk mit meterdicken Betonwänden und -decken. Die „technische Meisterleistung“ wurde von der Nazi-Marine mit Arbeitssklaven geschaffen, die unter unmenschlichen Bedingungen tägliche Schwerstarbeit auf der Baustelle leisten mussten.

Überreste der Betonmischanlage für den Bau der meterdicken Betonwände und -decken.

Zivile Zwangsarbeiter aus ganz Europa, sowjetische Kriegsgefangene, KZ-Häftlinge, Häftlinge eines Arbeitserziehungslagers der Bremer Gestapo, italienische Militärinternierte wurden von Marine-Soldaten bewacht dort eingesetzt. Viele von ihnen überlebten die Folgen der körperlichen Arbeit, der unzureichenden Versorgung und der Lebensbedingungen in den umliegenden Lagern nicht.

Denkort Bunker Valentin mit Teilnehmenden auf dem Rundweg um den U-Boot-Bunker.

Im U-Boot-Bunker sollten geschützt vor Luftangriffen modernste U-Boote im Fließbandverfahren für den Krieg gebaut werden. Doch kein U-Boot verließ je diesen Bunker. Nach einem Luftangriff auf einen nicht fertiggestellten westlichen Teil des Bunkerdachs wurden die Bauarbeiten gestoppt. Nach dem Krieg diente er den Alliierten zu Bombentests, weitere Pläne ihn abzureissen oder unter einer Parklandschaft zu begraben scheiterten. Teile der Gebäude und des Geländes wurden seit den 1960er Jahren von der Bundeswehr genutzt. Erst ihr Abzug 2010 machte den Weg für seit den 1980er Jahren erhobenen Forderungen frei, ihn zu einer Gedenkstätte umzugestalten. 2015 wurde der Denkort Bunker Valentin offiziell eröffnet. (Heute ist der Bunker übrigens nicht nur ein Denkort, sondern auch ein Biotop für Fledermäuse und – auf dem Dach – für Frösche.)

Eine der vielen Tafeln auf dem Rundweg , der um den Bunker herum führt.

Um den Bunker herum führt heute ein Rundweg, der die Geschichte des Ortes erläutert. Neben baulichen Überresten und persönlichen Schicksalen fanden wir auch Tafeln auf denen die Namen der Firmen genannt werden, die am Bau des Bunkers verdient haben. Im Gebäude selbst findet sich ein Informationszentrum einer Ausstellung, Filmmaterial und weiteren Informationen. Ein Medientisch zeigt die geografische Entwicklung. Vor dem Bunker und außerhalb des früheren Bundeswehrgeländes findet sich die 1983 errichtete vier Meter hohe Plastik „Vernichtung durch Arbeit“ von Fritz Stein.

Die Plastik „Vernichtung durch Arbeit“ (1983).

Nach der Mittagspause trafen wir uns auf der anderen Weserseite an der Oberschule am Leibnitzplatz. Von hier aus führten uns John Gerardu und Horst Otto, zwei lokale Aktivisten, zu einigen Denkorten in der Bremer Neustadt und erzählten dabei auch einiges über den Stadtteil. Die Denkorte Neustadt sind lokal verankert und werden auch öffentlich gefördert. Neben den Denkorten im engeren Sinne, die durch eine gemeinsame Gestaltung gekennzeichnet sind, führten sie uns auch zu einem Gedenkstein, der an die Deportation der jüdischen Bevölkerung nach Minsk erinnert, über den städtischen Friedhof mit einigen steinernen Zeugnissen, zum Stolperstein für Alfred Bostelmann, einem Zeugen Jehova und zur Schule Kantstraße, in der Zwangsarbeiter untergebracht waren. Damit ist die breite dieser Form der Erinnerungsorte schon deutlich geworden.

Während der Führung einer Kleingruppe durch Bremen-Neustadt.

Insgesamt war dieser Tag sehr interessant, durch die vielen nur fußläufig zu erreichenden Orte auch sehr anstrengend gewesen. Da der Abend zur freien Verfügung stand, nutzte ich ihn für einen langen Spaziergang entlang der belebten Weser und fand dort auch ein Plätzchen zum Verweilen. Der folgende Sonntag stand im Zeichen des Besuchs der Gedenkstätte Esterwegen und der Rückfahrt nach Essen. Ähnlich wie beim U-Boot-Bunker Valentin bot erst der Abzug der Bundeswehr die Möglichkeit, am Ort des früheren Konzentrationslagers Esterwegen eine Gedenkstätte einzurichten. Das frühere Dokumentations- und Informationszentrum Emslandlager (DIZ), das seit 1985 in Papenburg, dem zentralen Sitz der Verwaltung der Emslandlager bestanden hatte, ist in diese Gedenkstätte mit aufgegangen und besteht nicht mehr.

Einer der Denkorte in Bremen-Neustadt mit der für das Projekt typischen Gestaltung.

Bei den Emslandlagern handelt es sich um insgesamt 15 Lager unter wechselnder Verwaltung in der strukturschwachen Grenzregion zur Niederlande. Drei von ihnen, darunter Esterwegen und Börgermoor waren zeitweilig Konzentrationslager für politische Gegner und Andersdenkende, die von den Nazis hier eingesperrt wurden. Berühmt geworden ist das Lied „Wir sind die Moorsoldaten“, dass die KZ-Insassen schufen und sich trotz Verbots über das KZ hinaus verbreitete.

Eingang zur Gedenkstätte Esterwegen.

Das KZ Esterwegen wurde wie das KZ Dachau als Musterlager geplant und gebaut. Es wurde im Sommer 1933 durch den preußischen Staat errichtet, die Baracken und alle Einrichtungen natürlich von den KZ-Insassen gebaut. Es wurde bereits 1936 als KZ aufgelöst und die Insassen nach Oranienburg nördlich von Berlin gebracht, wo diese das KZ Sachsenhausen aufbauen mussten. Bemerkenswert ist in Esterwegen im Gegensatz zu den anderen großen Konzentrationslagern die Nähe zwischen dem Häftlingslager und dem Lager der Wachmannschaften. In Esterwegen mussten die Häftlinge die Lagerstraße der Wachmannschaften morgens und abends durchschreiten. In anderen Lagern waren die Bereiche der SS-Wachmannschaften deutlich vom Häftlingslager getrennt. Das Lager wurde ab 1937 als Strafgefangenenlager durch die Justizverwaltung weiter geführt, und 1943/44 für Widerstandskämpfer aus den deutsch besetzten westeuropäischen Ländern.

Blick in den zerstörten Teil des U-Boot Bunkers Valentin.

Wie auch andere KZs wurde nach der Befreiung vom Faschismus Esterwegen als Internierungslager durch die in diesem Fall britische Besatzungsmacht genutzt und danach als Flüchtlingsdurchgangslager. Die Gebäude des Lagers wurde abgetragen und verkauft, das Gelände anschließend von der Bundeswehr genutzt. Nach dem Abzug der Bundeswehr konnte 2009/11 die Gedenkstätte errichtet werden. Da bauliche Überreste fast völlig fehlen, wurden Mauern, Wachtürme und Tore durch Cortenstahlwände sybolisiert, der Stahl soll an die Kälte des Lagers erinnern, die braune Farbe an den Torf der Moore, zu dessen Kultivierung die KZ-Häftlinge eingesetzt wurden. Erst während des Krieges wurden die Insassen der Lager für andere Arbeiten in der Landwirtschaft wie für die Rüstungsproduktion eingesetzt. Bemerkenswert auch die Markierung der Barackenstandorte, sie sind nicht wie in Buchenwald, Dachau oder inzwischen auch in Sachsenhausen durch Schotter markiert, sondern durch Bauminseln, aus denen an diesem 11. September, dem Tag des Offenen Denkmals Audioinstallationen die Erinnerung an das KZ zurückbrachte.

DGB-Jugend MEO erinnert in der Gedenkstätte Esterwegen.

An den ursprünglich außerhalb des Geländes aufgestellten Gedenksteinen, die an Carl von Ossietzky und an alle Häftlinge des Lagers erinnern, legte die DGB-Jugend einen Kranz nieder und Lennart hielt eine angemessene Gedenkrede. Carl von Ossietzky, der als Journalist die Weimarer Republik verteidigte und vor dem aufkommenden Faschismus warnte, wurde von den Nazis in Esterwegen mit der üblichen Grausamkeit behandelt und durch die Lagerbedingungen ermordet. Der Friedensnobelpreisträger ist damit das prominente Beispiel für das Leiden vieler wenig bekannter Menschen. Bereits die Gewerkschaftsjugend der IG Bergbau Essen hat ihm 1963 an einem anderen Ort in Esterwegen mit einem Gedenkstein gedacht. 2021 finden sich in der Ausstellung der Gedenkstätte neben ihm zahlreiche andere völlig unterschiedliche Menschen, deren Leben und Leiden dokumentiert wird.

Leicht bearbeitete Fassung.