Archiv für den Tag 23. November 2020

Die Gegenwart von Anne Frank und Sophie Scholl

Denkmal für Anne Frank an der Ecke Prinsengracht/Westermarkt in Amsterdam.

Nicht zum ersten und vermutlich auch nicht zum letzten Mal dient die Nazi-Zeit in diesen Tagen als Folie für eigenes Handeln oder der Kritik am Handeln anderer. Die sogenannte „Alternative für Deutschland“ und das sie umgebende Milieu aus Wutbürgern, Undemokraten, Rechtsextremisten, Reichsbürgern oder sogenannten „Querdenkern“ bezeichnen ein aktuelles Gesetz als „Ermächtigungsgesetz“, und stellen damit ganz bewusst eine im Übrigen historisch falsche Konnotation zur Errichtung der faschistischen Diktatur 1933 her. Gleichzeitig stellen sie sich in eine Reihe mit Methoden der NSDAP, die die Abstimmung des Reichstages über das Ermächtigungsgesetz 1933 von der SA bewachen ließ, indem von der AfD eingeladene Besucher im Reichstagsgebäude Parlamentarier und ihre Mitarbeiter mit billigen Methoden provozierte.

Auch außerhalb des Parlaments haben Vergleiche mit der Nazi-Zeit derzeit Konjunktur. Eine Elfjährige vergleicht auf einer „Querdenker“-Demo in Karlsruhe ihren Geburtstag unter Pandemiebedingungen und ihrer Angst vor der Denunzination ihrer Geburtstagsfeier mit Anne Franks verstecktem Leben im Hinterhaus, mit einer Anne Frank, die als Jüdin im KZ Bergen-Belsen ermordet wurde. Einen drauf setzte noch die 22jährige Jana aus Kassel, die sich auf einer „Querdenker“-Demo in Hannover mit Sophie Scholl vergleicht, eine Widerstandskämpferin, die wegen des Verteilens von Flugblättern ihr Leben unter dem Fallbeil der Nazis lassen musste, während Jana bei Kritik an ihrer Position in Tränen ausbrach.

Mir ist noch gut in Erinnerung geblieben, wie Alexander Gauland (AfD) die Nazi-Zeit als „Vogelschiss“ der deutschen Geschichte bezeichnete um wieder auf die Leistungen deutscher Soldaten der beiden Weltkriege stolz sein zu können. Ich kann mir nicht helfen, aber die Bezugnahme auf Widerstandskämpfer*innen und Verfolgte gefällt mir wesentlich besser als die auf Soldaten aus Weltkriegen, auch wenn die oben genannten Vergleiche absoluter Quatsch sind. Zwar leben wir aufgrund der Kontaktbeschränkungen in außergewöhnlichen Zeiten, doch wir leben in keiner faschistischen Diktatur, die unerwünschte Bevölkerungsteile massenhaft und industriell ermordet. Und der beste Beweis, für die Freiheit der Meinungsäußerungen, sind die oben getätigten Äußerungen.

Zum Recht auf freie Meinungsäußerung gehört eben auch, das man Unsinn frei äußern darf. Mag sich eine Elfjährige noch so sehr wie Anne Frank fühlen, sie steht nicht in Gefahr, im KZ Bergen Belsen ermordet zu werden. Und auch Jana aus Kassel muss nicht befürchten, wegen der Anmeldung einer „Querdenker“-Demo unter dem faschistischen Fallbeil zu sterben. Beide leben in einem demokratischen Rechtsstaat. Das Schlimmste, was bisher einer „Querdenker“-Demo passiert ist, ist ein Nieselregen aus einem polizeilichen Wasserwerfer. Da wissen andere Demonstranten ganz andere Geschichten von polizeilichen Maßnahmen zu erzählen.

In gewissser Weise erhellend sind übrigens drei weitere Reden von Jana aus Kassel vom 26.09.2020 in Fulda hier, vom ca. 05.09.2020 hier und der 2. Teil der abgebrochenen Rede hier. Der Postillon hat sie hier auf die Schippe genommen und wie ihr hanebüchener Vergleich im Netz angenommen wird, kann man z.B. hier lesen. Herr, schmeiß Hirn vom Himmel!