Nachruf auf Klaus Ahlheim

Eine frühere Veröffentlichung aus dem Jahre 2002 – eine empirische Studie über NS-Vergangenheit, Holocaust und die Schwierigkeiten des Erinnerns.

Wie ich heute Abend mittels einer Schneeball-E-Mail erfuhr, ist der emeritierte Erziehungswissenschaftler Klaus Ahlheim am Mittwoch im Alter von 78 Jahren gestorben. Während meines Studiums der Diplom-Pädagogik an der Universität-Gesamthochschule Essen hatte ich ihn als sehr streitbaren Professor kennengelernt. Insbesondere die von ihm initierte Exkursion 1998 in die Gedenkstätte Buchenwald hatte dazu geführt, dass ich mich seitdem mit der NS-Vergangenheit aus pädagogischer Sicht beschäftige.

Er wurde am 28. März 1942 in Saarbrücken geboren, studierte unter anderem evangelische Theologie, war Studentenpfarrer in Frankfurt am Main und nach der Habilitation in Erziehungswissenschaft lange Jahre Professor für Erwachsenenbildung an der Philipps-Universität Marburg. 1994 wechselte er zur damaligen Universität-Gesamthochschule Essen und bekleidete dort ebenfalls die Professur für Erwachsenenbildung. Von uns Fachschaftsvertretern, die damals mit dem organisierten Chaos im Studiengang Diplom-Pädagogik unzufrieden waren, wurde er mit einem Besen und dem Satz „Neue Professoren kehren gut“ begrüßt. 2007 ging er in den Unruhestand und zog nach Berlin. Mein Studium war bereits 1999 mit meiner Diplomarbeit „Historisches Lernen in Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus“ beendet gewesen, obwohl ich dort noch bis 2001 als wissenschaftliche Hilfskraft aushielt.

In Lehrveranstaltungen und Gesprächen war ihm die theologische Herkunft immer wieder anzumerken. Sein Werk umfasst zahlreiche Veröffentlichungen zu Grundfragen und Wirkung politischer Erwachsenenbildung, von denen mir neben „Mut zur Erkenntnis“ (1992) vor allem „Argumente gegen den Hass“ (1993) und „Vorurteile und Fremdenfeindlichkeit“ (1998), beides pädagogische Handreichungen, in Erinnerung geblieben sind. Empirische Studien aus pädagogischer Sicht führte er gemeinsam mit Dr. Bardo Heger zu Fremdenfeindlichkeit in Deutschland („Der unbequeme Fremde“, 1999) und zum Umgang mit der NS-Vergangenheit („Die unbequeme Vergangenheit“, 2002) durch. Für mich neu war die Erkenntnis, dass Rechtsextremismus kein Problem junger Männer am rechten Rand der Gesellschaft ist, sondern der Mitte der Gesellschaft entstammt.

Seinem Weggang aus Marburg war ein heftiger Streit über die allzu braune Vergangenheit des emeritierten Marburger Sozialethikers Dietrich von Oppen und dem Umgang der Philipps-Universität Marburg mit der eigenen braunen Vergangenheit vorweggegangen, die er in „Geschöntes Leben“ (2000) nachgezeichnet hatte. Aktuelle geschichtspolitische Debatten nutzte er stets im Seminar oder in Veröffentlichungen für Angriffe aus pädagogischer Sicht. Zuletzt erlebte ich ihn in Essen während der Vorstellung seines damals jüngsten Werks, „Sarrazin und der Extremismus der Mitte“ 2011. Ein für mich bemerkenswerter Befund war eine Veränderung im Detail: während in den 1980er Jahren die Aussage „Ich bin stolz ein Deutscher zu sein“ klar eine rechtsextreme Aussage war, findet sich diese inzwischen in weiten Teilen der Gesellschaft wieder und läßt nicht mehr unbedingt auf ein rechtsextremes Weltbild schließen.

Als Widmung schrieb er mir damals „Ach, Maßmann!“ ins Buch.

Erschienen in der taz vom 27./28.06.2020.

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