Archiv für den Tag 2. Oktober 2015

„Demokratische Initiative“ will Gedenktag an die Reichspogromnacht am Nazi-Schwert feiern

Ein unglaublich widerwärtiges Ereignis wirft in Gelsenkirchen seine Schatten voraus. Am 9. November 2015, dem jährlichen Erinnerungstag an die sogenannte „Reichskristallnacht“, die 1938 einen neuen Höhepunkt der Judenverfolgung in Nazi-Deutschland markierte, plant die „Demokratische Initiative“ ihre Veranstaltung am sogenannten „Kriegerdenkmal Schalker Verein“ enden zu lassen. Bei diesem Denkmal handelt es sich um eine lange in Vergessenheit geratene, wuchtige, sechs Meter hohe vierkantige Steele aus sechs Granitquadern mit dem fünf Meter langem lorbeerumringten Schwert aus Gussstahl aus dem Jahre 1937. Denkmäler dieser Art dienten den Nazis in den 1930er Jahren zur innenpolitischen Vorbereitung des geplanten, neuen Eroberungskrieges, den wir heute als Zweiten Weltkrieg kennen und in dessen Schatten der Holocaust stattfand.

Inschriften beidseits des lorbeerumkränzten Nazi-Schwerts

Inschriften beidseits des lorbeerumkränzten Nazi-Schwerts

Nach derzeitigen Erkenntnissen wurde das Nazi-Schwert, das in den Vorlagen der Stadtverwaltung wahlweise als „Kriegerehrenmal“ bzw. „Kriegerdenkmal Schalker Verein“ bezeichnet wird, im Jahre 1937 auf dem Gelände des Schalker Vereins an der Wanner Straße in Gelsenkirchen-Bulmke errichtet. Das Denkmal wurde von Hubert Nietsch gestaltet, der in Gelsenkirchen für weitere NS-affine Kunst bekannt und berüchtigt ist. Eingeweiht wurde es am 1. Mai 1937, dem von den Nazis als “Tag der nationalen Arbeit” instrumentalisierten 1. Mai der Gewerkschaften. Das Denkmal erinnert mit einer Inschrift an die im Ersten Weltkrieg „gefallenen Arbeitskameraden“ und instrumentalisiert ihren Tod mit der von den Nazis gerne bemühten Inschrift „Sie starben für Deutschland“ im Sinne der Nazi-Ideologie.

Das Schwert erinnert zugleich an die Aufstellung von monumentalen Holzschwertern während des Ersten Weltkrieges in vielen Städten auf öffentlichen Plätzen und in Gelsenkirchen auf dem Neumarkt. Diese dienten dem Beschlagen mit Nägeln, die durch Spenden für die Unterstützung von Kriegshinterbliebenen erworben wurden und auf diese Art für die Fortführung des Krieges warben.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Denkmal um die Erinnerung an die „gefallenen Arbeitskameraden“ der Jahre 1939 bis 1945 ergänzt und im Laufe der Zeit vergessen. Heute ist von dem ursprünglichen Platz rund um die Säule nichts mehr zu erkennen, das Ensemble zu einem stillen Ort unter Bäumen geworden. Auch für den Historiker Dr. Schmidt (Institut für Stadtgeschichte) war es eine Neuentdeckung, die mit der Öffnung des ehemaligen Werksgeländes zusammenfiel.

Denkmal an die im Ersten Weltkrieg gefallenen Werksangehörigen des Schalker Vereins aus der Nazi-Zeit (1937)

Denkmal an die im Ersten Weltkrieg gefallenen Werksangehörigen des Schalker Vereins aus der Nazi-Zeit (1937)

Doch dort soll es nicht bleiben. Mit dem Antrag auf Eintragung in die Denkmalliste lag der Bezirksvertretung Mitte am 04. März 2015 auch ein Antrag auf Verlagerung („Translozierung“) und Umgestaltung vor, der im Laufe des Monats auch noch im Stadtentwicklungs- und Planungsausschuss beraten und im Kulturausschuss am 18. März 2015 zur Entscheidung vorlag: da das Denkmal an seinem Standort hinter den Torhäusern an der Wanner Straße “einer Vermarktung und Entwicklung eines Gewerbe- und Industrieparks im Wege steht” plane die Eigentürmerin, die Firma Saint-Gobain, unter Beteiligung des Instituts für Stadtgeschichte und der zuständigen Denkmalbehörde die Verlagerung des Denkmals. Außerdem solle der historische Hintergrund durch eine künstlerische Ergänzung in Form einer Platte aus Stahl mit der Inschrift “Die Opfer der Kriege mahnen zum Frieden” und eine ISG-Erinnerungsortetafel erklärt werden. Die Kosten der Verlagerung wurden mit rund 30.500 Euro veranschlagt, der städtische Anteil daran mit 17.300 Euro.

Rückseitige Ansicht des Geländes der Torgebäude des ehemaligen Schalker Vereins

Rückseitige Ansicht des Geländes der Torgebäude des ehemaligen Schalker Vereins, linker Hand nach dem Wendehammer soll der neue Standort des Denkmals sein.

In einem früheren Artikel kritisierte ich die Kosten für die den Erhalt alter Nazi-Kunst, die Unklarheit der „künstlerischen Ergänzung“ sowie die Unwägbarkeit der Nutzung durch Rechtsextremisten. Eine weitergehende Kritik am Erhalt des Denkmals formulierte der umtriebige Klaus Brandt in einem seiner Bürgeranträge. Er beantragte, das Denkmal wieder von der Denkmalliste zu streichen und zu „entsorgen“. Erwartungsgemäß wurde der Antrag abgelehnt. Nun muss man nicht der Meinung von Klaus Brandt sein, ich teile sie auch nicht. Doch einfach unverschämt einem demokratisch gesinnten Bürger dieser Stadt gegenüber liest sich die Vorlage der Stadtverwaltung für die Kulturausschussitzung am 16. September 2015. Da wird der Vorschlag zur „Entsorgung“ des Nazi-Schwerts mit der Zerstörung wertvoller kultureller Denkmäler durch die Taliban in Afghanistan und des sogenannten „Islamischen Staat“ in Syrien gleichgesetzt. Ist dem Menschen, der diese Vorlage verfasst hat, nicht bekannt, in welchem Maße die Nazis im besetzten Europa gewütet haben? In ihrer Zerstörungswut sind sie viel eher mit den religiösen Fundamentalisten vergleichbar, als es Klaus Brandt ist.

Das Massaker von Oradour am 10. Juni 1944 war ein durch die Waffen-SS verübtes Kriegsverbrechen an der Bevölkerung des französischen Dorfes Oradour-sur-Glane (Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Car_in_Oradour-sur-Glane.JPG).

Ein Beispiel von vielen für die Zerstörungswut der Nazis im besetzten Europa. Das Massaker von Oradour am 10. Juni 1944 war ein durch die Waffen-SS verübtes Kriegsverbrechen an der Bevölkerung des französischen Dorfes Oradour-sur-Glane (Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Car_in_Oradour-sur-Glane.JPG).

Noch viel unglaublicher finde ich jedoch die Ankündigung in der gleichen Vorlage, dass die „Demokratische Initiative“ beschlossen habe, „ihre Veranstaltung zur Erinnerung an die Verbrechen  der sogenannten Reichskristallnacht im Jahr 2015 an dem Denkmal des Schalker Vereins enden zu lassen.“ Das muss man sich einmal vorstellen: Am Nazi-Schwert, das den Ersten Weltkrieg im Sinne der Nazi-Ideologie instrumentalisiert, innenpolitisch auf den Zweiten Weltkrieg vorbereitet in dessen Schatten der Holocaust stattfand, soll eine Gedenkveranstaltung an die Reichspogromnacht stattfinden, die 1938 einen neuen Höhepunkt der Judenverfolgung markierte. Zynischer geht es wohl kaum noch …