Kleine Geschichte der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten in Gelsenkirchen (Teil 2)

2. Von den 1960er zu den 1980er Jahren – Die VVN-Bund der Antifaschisten

VVN-BdA GelsenkirchenVor 70 Jahren wurde mit dem „Komitee ehemaliger politischer Gefangener und Konzentrationäre“ der Vorläufer der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) in Gelsenkirchen gebildet. Dieser Beitrag zeichnet die Geschichte der Kreisvereinigung Gelsenkirchen nach. Aufgrund des Umfangs, habe ich ihn in mehrere Teile aufgeteilt. Teil 3 folgt am kommenden Freitag.

Gemeinsam mit anderen engagierte sich die VVN und ihre Mitglieder in den 1960er Jahren gegen den Atomtod („Ostermärschen gegen den Atomtod“), gegen die Notstandsgesetze und den wiedererstarkenden Neofaschismus (NPD). Die gesellschaftlichen Veränderungen ab den 1960er Jahren führten zu einem Wandel im öffentlichen Klima, der auch der VVN zu gute kam.

In Gelsenkirchen lud die VVN am 8. Mai 1965, zum „20. Jahrestag der Beendigung des Krieges und der Beseitigung des NS-Regimes“ zu einer Kundgebung auf dem Hauptmarkt (heute Margarethe-Zingler-Platz) ein. Gegen Kundgebungen der NPD am 6. September 1969 auf dem Buerschen Marktplatz und am am 18. September 1969 auf dem Hauptmarkt gab es massive Störungen durch Gegendemonstranten. Eine „Bürgerinitiative gegen den Neonazismus“ rief den Polizeipräsidenten auf, die Kundgebung zu verbieten.

Im Zuge der beginnenden Entspannungspolitik setzte sich die VVN für Versöhnung und Frieden ein. Vom 18. – 24. Oktober 1969 führte die Kreisvereinigung eine „Woche der Begegnung und Gespräche mit Bürgern der DDR“ durch. Zum Programm gehörten ein Gottesdienst in der Kreuzkirche Gelsenkirchen-Feldmark mit Pfarrer Breithaupt (DDR), weitere Veranstaltungen im Lutherhaus der Kirchengemeinde Schalke und einer kulturellen Abschlussveranstaltung in der Aula der Frauenfachschule Königstraße mit einer Gruppe des Deutschen Theaters Berlin.

Öffnung zum VVN-Bund der Antifaschisten

Angesichts älter werdende Widerstandskämpfer und Verfolgte und mit dem wachsenden Interesse an antifaschistischer Arbeit durch Jüngere in den 1960er Jahren öffnete sich die VVN für jeden, der sich zu ihrem Programm bekannte. Seinen Abschluss fand dieser Prozess auf dem Bundeskongress in Oberhausen 1971, der die Erweiterung der Organisation zur „VVN-Bund der Antifaschisten“ beschloss.

In den 1970er Jahren nahm die Aktivität der Kreisvereinigung ab, man beteiligte sich überwiegend an Bündnisaktivitäten. Die Versuche, junge Mitglieder zu werben, brachten kaum Erfolge. 1979 zählte die Kreisvereinigung 81 fast ausschließlich ältere Mitglieder. Dagegen wuchs das Interesse an der Erforschung der NS-Vergangenheit in der Bevölkerung. Sowohl am Begleitprogramm einer im Bildungszentrum in Gelsenkirchen und im Jugendzentrum Pappschachtel in Buer 1979 gezeigten Ausstellung „Kristallnacht – nicht vergessen und nie wieder“ wie an der Entstehung der Ausstellung „Gelsenkirchen 1933-45. Verfolgung, Widerstand, Flugblätter der Alliierten“, die im Oktober 1980 im Bildungszentrum präsentiert wurde waren VVN-Mitglieder als Zeitzeugen beteiligt. Der Ausstellung folgte 1981 die Buchveröffentlichung „Beispiele des Widerstands“ gefolgt von einer erweitern Auflage 1982 „Beispiele der Verfolgung und des Widerstands“.

Umschlag der 2. Auflage der Dokumentation zu Verfolgung und Widerstand aus dem Jahre 1982

Umschlag der 2. Auflage der Dokumentation zu Verfolgung und Widerstand aus dem Jahre 1982

Neu erwachtes Interesse am Antifaschismus

Das erwachte Interesse an antifaschistischer Arbeit, das sich nicht nur in der Beschäftigung mit dem historischen Faschismus erschöpfte, sondern sich auch gegen die verstärkten Aktivitäten von Alt- und Neo-Nazis richtete, führte in den 1980er Jahren zu einem Generationswechsel. Er ermöglichte Bündnisse mit Jugendorganisationen und zur neu entstandenen Partei „Die Grünen“. Von Beginn an beteiligte sich die VVN im Gelsenkirchener Friedensplenum.

Im Mai 1982 initiierte die VVN mit einer Einladung in das Jugendzentrum Pappschachtel die Gründung der „Initiative gegen Neonazismus und Ausländerfeindlichkeit“. Kaum eine Woche später, am 18. Mai 1982, wurde die Pappschachtel durch Brandstiftung zerstört. In den Trümmern fand man ein Schild: „Schade das Ihr nicht mit verbrannt seid VVN“.

1984 veranstaltete die VVN in der Gesamtschule Berger Feld ein „Friedensfest“ unter dem Motto „Für Frieden und Völkerverständigung – gemeinsam weiter gegen Atomraketen und neue Nazis“, zu dem über 700 Besucher kamen. Im Mai 1984 begann der Kreisverband mit der Herausgabe der vierteljährlich erscheinenden Zeitschrift „GE-Voran“. Im September 1985 zogen sieben Organisationen, darunter die VVN und Die Grünen, in den ehemaligen Buchladen „Trotz Alledem“ in der Weberstraße ein.

Umschlag der einzigen Gesamtdarstellung zur Geschichte der VVN / Bund der Antifaschisten Gelsenkirchen 1947 bis 1987

Umschlag der einzigen Gesamtdarstellung zur Geschichte der VVN / Bund der Antifaschisten Gelsenkirchen 1947 bis 1987

Nach Auseinandersetzungen um die Kranzniederlegung von HIAG (ehemalige Angehörige der Waffen-SS) und NPD anlässlich des Volkstrauertages auf dem Hauptfriedhof Buer und dem Aufmarsch der Neofaschisten am Volkstrauertag 1983, führte die VVN 1984 und 1985 eine eigene, würdevolle Gedenkkundgebung durch. Nachdem dort keine Nazis mehr auftauchten, änderte der Rat der Stadt die Friedhofssatzung dahingehend, dass die VVN keine Gedenkfeier mit Demonstrationscharakter mehr durchführen durfte. Als sie es 1986 dennoch taten, um auf die neue Regelung aufmerksam zu machen, entfachte das eine öffentliche Debatte. In einem Offenen Brief wurde der damalige Oberstadtdirektor und die Stadtverwaltung dafür kritisiert, dass nicht über Neonazis, sondern über vorgebliche Rechtsverstöße von Antifaschisten geredet wird.

Mit dem Jahr 1987 erfolgte eine gewisse Beruhigung in Gelsenkirchen, als bei der Benennung von vier innerstädtischen Plätzen nach Gegner und Opfer des Naziregimes nicht nur eine Sozialdemokratin (Margarethe-Zingler-Platz, 1986) und ein Christ (Heinrich-König-Platz, 1987), sondern mit Fritz Rahkob auch ein Kommunist (Fritz-Rahkob-Platz, 1987) Berücksichtigung fand. 1988 folgte noch der Leopold-Neuwald-Platz stellvertretend für die verfolgten und ermordeten Juden Gelsenkirchens.

Das Jahr 1989 bedeutete für die VVN-Bund der Antifaschisten eine Zäsur. Mit dem Ende der DDR fielen umfangreiche Finanzhilfen an die Bundesorganisation in Frankfurt am Main weg und brachte die VVN an den Rand ihrer Existenz. Die Gesamtorganisation musste sich finanziell und politisch umorientieren, was ihr auch gelang. Seit 2002 gibt es eine gesamtdeutsche VVN-BdA und mit ihr die größte antifaschistische Organisation in Deutschland.

Teil 1   Teil 2   Teil 3   Teil 4

Advertisements

Ein Gedanke zu „Kleine Geschichte der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten in Gelsenkirchen (Teil 2)

  1. Knut

    Eine interessante Ergänzung und eine veränderte Sichtweise auf die Ereignisse der 1980er Jahre um den Volkstrauertag stellt das „HerrKules Magazin“ in einer zu einem Beitrag gehörenden Broschüre vom Februar 1988 vor. In der zum Download angebotenen Broschüre findet sich neben einer ausführlichen Chronologie in einem Beitrag auch reichlich Kritik an der Politik der damaligen VVN. Interessant sind die Ausführungen auch für den interessierten Leser angesichts der Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Zustände damals und heute.

    Hier geht es zum Beitrag
    http://www.magazin-herrkules.de/politik/nrw-wahlspezial-2012/425-neo-fasch.html

    Hier geht es direkt zum Download der Broschüre „Die Zukunft der Vergangenheit“ 02/1988
    http://www.magazin-herrkules.de/pdf/Die%20Zukunft%20der%20Vergangenheit.pdf

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.