Zwischen „Im Westen nichts Neues“ und „In Stahlgewittern“

Soldat an der Westfront

Soldat an der Westfront

Wer sich mit der Erinnerungsliteratur zum Ersten Weltkrieg beschäftigt, wird sehr schnell auf diese beiden Werke stoßen: Erich Maria Remarques Roman „Im Westen nichts Neues“ (1929) schildert die fiktiven Erlebnisse aus der Sicht eines jungen Kriegsfreiwilligen. Der Roman wird allgemein als Antikriegsroman aufgefasst. Ernst Jüngers „In Stahlgewittern“ (1920) dagegen beruht auf sein während des Krieges geführtes Kriegstagebuch und schildert Jüngers Erlebnisse, die als großes Abenteuer und Bewährungsprobe gelesen werden können. Den deutlichsten Unterschied zwischen beiden Werken machten die Nazis, indem sie Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“ während der Bücherverbrennung 1933 verbrannten und den gleichnamigen Film verboten.

Erich Maria Remarque, 1898 in Osnabrück geboren, wurde 1916 in den bereits seit 2 Jahren andauernden Ersten Weltkrieg eingezogen, beim Einsatz an der Westfront im Juni/Juli 1917 durch einen Halsschuss verwundet und durch Granatsplitter an Arm und Bein verletzt. Für die Abfassung seines Romans hat er sich auf die Erlebnisse anderer Kriegsteilnehmer gestützt. Seine Absicht war nicht in erster Linie, einen Roman über den Ersten Weltkrieg zu schreiben, sondern er thematisierte die Frage, was der mörderische Krieg aus den jungen Männern machte, die keine erwachsenen, zivilen Erfahrungen besaßen. In dem vorangestellten Motto schreibt er: „Dieses Buch soll weder eine Anklage noch ein Bekenntnis sein. Es soll nur den Versuch machen, über eine Generation zu berichten, die vom Kriege zerstört wurde – auch wenn sie seinen Granaten entkam.“ (S. [5]).

„Im Westen nichts Neues“ schildert aus der Sicht des jungen Paul Bäumer die typischen Erlebnisse während des Schützengrabenkrieges an der Westfront mit den damals neuesten technischen Errungenschaften Artillerie, Maschinengewehre, Giftgas, Schützengräben und Stacheldraht. Überredet von ihrem Schullehrer hatte sich die gesamte Klasse freiwillig zum Einsatz an die Front gemeldet, um festzustellen, dass die Wirklichkeit anders aussieht als das patriotische Ideal. Im Verlauf der Handlung sterben immer wieder Bäumers Kameraden, gleich zu Beginn des Romans kehren von 150 Mann seiner Kompanie nur 80 zurück und freuen sich über die größeren Essensrationen für jeden Überlebenden. Während eines Nahkampfes in einem Bombentrichter tötet er einen gegnerischen Franzosen, der nur sehr langsam und röchelnd stirbt. Bedrückt von Schuldgefühlen trösten ihn seine Kameraden später: „Dazu bist du doch hier!“ (S. 203). Neben den kurz erwähnten Mannschaftsbordells lernen Bäumer und seine Kameraden während eines rückwärtigen Einsatzes auch drei Französinnen kennen, die sie nachts heimlich besuchen und etwas zu essen gegen etwas Sex eintauschen. Nach einem Heimaturlaub, einem Lazarettaufenthalt und vielen weiteren Fronteinsätzen fällt Paul Bäumer im Oktober 1918 „an einem Tage, der so ruhig und still war an der ganzen Front, daß der Heeresbericht sich nur auf den Satz beschränkte, im Westen sei nichts Neues zu melden.“ (S. [259]).

„Im Westen nichts Neues“ steht für eine humanistisch motivierte Kritik am Krieg, mit der sich Remarque bei den erstarkenden Nazis der End-1920er Jahre eben nicht sehr beliebt machte. 1930 wurde der Roman in einer US-Produktion verfilmt, deren deutsche Uraufführung in Berlin von faschistischen Schlägertrupps verhindert wurde. Nach ähnlichen Störaktionen im gesamten Deutsche Reich wurde der Film abgesetzt und später in gekürzter Fassung zugelassen. Die Nazis verboten den Film endgültig. Erich Maria Remarque wurde 1938 von den Nazis ausgebürgert, ab 1939 lebte er in den USA und erhielt 1947 die US-amerikanische Staatsbürgerschaft.

Ernst Jünger, 1895 in Heidelberg geboren, versuchte schon vor dem Weltkrieg aus dem Elternhaus auszubrechen indem er sich zur Fremdenlegion meldete. Während des Ersten Weltkrieges führte er ein Kriegstagebuch, das die Grundlage für das 1920 erschienene Werk „In Stahlgewittern“ bildet. Jünger schildert seine eigenen Erlebnisse an der Westfront von 1915 bis 1918. Der Krieg wird nicht hinterfragt, sondern erscheint, auch durch die sprachliche Darstellung, als Naturereignis („Stahlgewitter“), als männliche Bewährungsprobe und als großes Abenteuer. Reflexionen wie in Remarques „Im Westen nichts Neues“ finden sich nicht, stattdessen wird zum Beispiel der Bau der Schützengräben ausführlich erläutert mit den unterschiedlichen Lauf- und Kampfgräben, den Postenständen, dem Drahtverhau, den Unterständen und den Stollen. Tote und Verletzte werden bisweilen tagebuchartig aufgeführt: „Zur selben Stunde wurden am Draht zwei Pioniere verwundet. Der eine Querschläger durch beide Beine, der andere Schuß durchs Ohr.“ (S. 54). Der Erlebnisbericht schildert Einsätze in Frankreich und in Belgien, abwechselnd befindet er sich an der Front und im rückwärtigen Einsatz, erlebt die Schlacht an der Somme mit und kämpft in Flandern. Oft begibt Jünger sich in gefährliche Situationen und schildert immer wieder auch glückliche Zufälle, durch die er dem Tod entkommt. Erst gegen Ende des Krieges erwischt es ihn und er glaubt schon sein Leben zuende. Doch das Buch schließt mit seinem Aufenthalt im Lazarett und dem Erhalt des Ordens Pour le mérite. (Am Rande sei übrigens erwähnt, dass sich Jüngers Bruder Fritz in einem Gelsenkirchener Lazarett aufhielt. So klein ist die Welt. Vgl. S. 180).

Im Gegensatz zur humanistisch inspirierten Kritik des Romans „Im Westen nichts Neues“ kann man – entgegen der Annahme des Wikipedia-Artikels – „In Stahlgewittern“ keineswegs als Antikriegsbuch lesen. Vielmehr wird der Krieg in ihm durch Sprache und Darstellung ästhetisiert, wenn nicht sogar verherrlicht. Ernst Jünger war zudem ein entschiedener Gegner der Weimarer Republik und veröffentlichte weitere Bücher sowie zahlreiche Artikel für nationalistische Publikationsorgane. Er trat für die Miltarisierung aller Lebensbereiche und die Errichtung einer nationalen Diktatur ein, Pazifismus und Humanismus lehnte er ab. Wenn man sich mit Erich Maria Remarque fragt, was der Krieg aus den jungen Männern machte, so kann man das Ergebnis möglicherweise an Ernst Jünger sehen.

Beide Bücher wurden anlässlich der Hundertsten Wiederkehr des Beginns des Ersten Weltkrieges neu aufgelegt:
Remarque, Erich Maria: Im Westen nichts Neues, Köln 2014.
Jünger, Ernst: In Stahlgewittern, Stuttgart 2014.

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2 Gedanken zu „Zwischen „Im Westen nichts Neues“ und „In Stahlgewittern“

  1. Horst Huber

    Das sehe ich anders. Gerade weil Jünger aus der persönlichen Erfahrung eines Mannes berichtet, der ganz im Geiste seiner Zeit dachte, fühlte und handelte und weil er ganz ohne aufklärerische Agenda schreibt, ist sein Werk für mich das überzeugendere Antikriegsbuch.

    „Wenn man sich mit Erich Maria Remarque fragt, was der Krieg aus den jungen Männern machte, so kann man das Ergebnis möglicherweise an Ernst Jünger sehen.“

    Das mag stimmen. Und genau deshalb ist es viel aufschlussreicher, Jünger zu lesen.

  2. Knut Autor

    Ein Buch, dass den Krieg verherrlicht, kann nicht gleichzeitig ein Antikriegsbuch sein. Das schließt natürlich nicht aus, dass es trotzdem aufschlussreich ist, es zu lesen. Doch als Pflichtlektüre in einer Wehrsportgruppe würde es sicherlich nicht als Antikriegsbuch, sondern als spannendes Abenteuer gelesen werden. Es kommt bei Jünger viel stärker auf den eigenen Standpunkt an, mit dem man es liest.

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