„Soziale Konflikte werden ethnisiert“

Eine frühere Veröffentlichung aus dem Jahre 2002 – eine empirische Studie über NS-Vergangenheit, Holocaust und die Schwierigkeiten des Erinnerns.

Klaus Ahlheim beschäftigt sich in seinem neuesten Buch mit Thilo Sarrazins Schrift „Deutschland schafft sich ab“ und den dahinter liegenden fremdenfeindlichen Vorurteilen, tief sitzenden Ressentiments und einer bei allen anderen Sarrazin-Kritikern übersehenen neuen Lust, auf Deutschland stolz zu sein. Die Aussage, „Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein“, jahrzehntelang in Deutschland ein Item zur Messung von Rechtsextremismus, ist inzwischen in der Mitte der Gesellschaft angekommen. „Sarrazin und der Extremismus der Mitte“ titelt Ahlheim folgerichtig seine neue Veröffentlichung.

An Beispielen zeigt Ahlheim die deutschnationale Sichtweise des „Sozialdemokraten“ Sarrazin auf, dessen biologistische Gesellschaftsauffassung an nationalsozialistische Wissenschaftler erinnere. Anhand bereits früher veröffentlichter und aktualisierter empirischer Analysen erläutert Ahlheim wieder einmal, dass rechtsextreme Einstellungen keineswegs ein Problem arbeitsloser, junger ostdeutscher Männer, sondern in allen Bevölkerungsschichten, bei Wählern der CDU wie der Die Linke, anzutreffen sind.

Glücklicherweise – wie ich finde – geht Ahlheim nur im ersten Beitrag der Aufsatzsammlung auf Sarrazins Buchveröffentlichung ein. Dem Gehalt – nicht der Wirkung – der Sarrazin-Schrift wird dadurch genüge getan. In den weiteren Beiträgen lässt Ahlheim Sarrazin und seine ebenso kruden wie gefährlichen Thesen rechts liegen und widmet sich weiteren empirischen Analysen über rechtsextreme Einstellungen in Deutschland wie in Europa und der Frage, wie politische Bildung auf rechtsextreme Einstellungen reagieren kann.

Interessant sind in diesem Zusammenhang die Verschiebungen im „Charakter“ fremdenfeindlicher Einstellungen in den letzten Jahren, die Ahlheim beobachtet. So nahm in den Befragungen die Zustimmung zu Abwehrwünschen von Asylbewerbern und Flüchtlingen ab, während die Zustimmung zu einer stärkeren Integration der Eingewanderten zunahm. Dies lässt sich aus der schlichten Tatsache erklären, dass kaum noch Flüchtlinge die abgeschottete „Festung Europa“ erreichen. Andererseits tritt dadurch die Integrationsleistung der bereits Eingewanderten stärker in das Blickfeld, deren größter Unterschied häufig in der anderen Religion besteht. Es verwundert daher nicht, dass Rechtsextreme Stimmung mit Islamophobie und gegen Moscheebauten machen.

Die Ursachen fremdenfeindlicher Vorstellungen liegen jedoch nicht in einer drohenden Überfremdung, sondern, so Ahlheim weiter, in einer unübersichtlich gewordenen, globalisierten Welt, die Abstiegsängste befördere, permanente Flexibilität fordere und Unsicherheiten zumute; in der Erfahrung politischer, sozialer und ökonomischer Ohnmacht. Das Vorurteil böte der eigenen Psyche Erleichterung, in dem man die „Schuld“ einem Sündenbock zuschieben könne. So führt Ahlheim aus: „Die Ethnisierung politisch-sozialer Konflikte ist … willkommen … und von den Gewinnern des ökonomischen Umwälzungsprozesses (gewollt, um) von den eigentlichen Ursachen der politischen Misere, der öffentlichen Armut, des Sozialabbaus, um von ökologischen und militärischen Risiken aktueller Politik abzulenken…“ (S. 29f.)

Politische Bildung gegen Rechts kann daher kaum als „Feuerwehr“ in sozialpädagogischer, „akzeptierender Jugendarbeit mit rechten Jugendlichen“ erfolgreich sein. Politische Bildung muss sich der unübersichtlich gewordenen Welt stellen, sie durchschaubar, begreifbar und gestaltbar machen. Hierbei können, so ist Ahlheim überzeugt, selbst Denkperspektiven subjektiv befreiend sein.

Ahlheim, Klaus: Sarrazin und der Extremismus der Mitte. Empirische Analysen und pädagogische Reflexionen, Hannover : Offizin-Verl., 2011

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